Sehr lange bleibt die Person unscharf, die hier im düsteren Gang eines Gefängnisses auf die Kamera zugeführt wird. Erst ganz am Ende seines Wegs erhellt ein Lichtstrahl das Gesicht des Mannes (großartig gespielt von Benjamin Voisin), um den sich der gesamte Spielfilm dreht und der doch immer ein Rätsel bleiben wird: Meursault, der junge Mann, der bei der Beerdigung seiner Mutter nicht weinte, aber bald darauf einen Araber töten wird. Albert Camus schrieb die Geschichte dieses Mannes 1942 in „Der Fremde“ und erschuf damit eines der Hauptwerke des Existenzialismus. Der französische Regisseur François Ozon bleibt bei seiner reifen Adaption des Klassikers erstaunlich dicht an der Vorlage. In kontraststarkem Schwarz-Weiß versucht sich Ozon an einer filmischen Erklärung dieses Prototypen emotionaler Gleichgültigkeit, die schon Generationen beschäftigte. Er wagt eine Deutung und schlägt damit Parallelen in die Gegenwart, zu aktuellen Despoten und der instabilen Weltlage.ULF
François Ozon:
„Der Fremde“ (Weltkino)
★★★★★ Hervorragend