Eine Reise durch die Gedankenwelt von Peter Handkes „Kreuz-und-quer-Geher“: Marina Galic und Jens Harzer. © Ruth Walz
Schließlich, nach zwei intensiven Stunden, in denen kaum etwas und doch sehr viel geschah, steigert sich der Jubel im Salzburger Landestheater erneut. Kaum einer an diesem Montagabend, der jetzt noch sitzt; kaum einer, der jetzt nicht das Mobiltelefon in die Höhe reckt: Peter Handke kommt auf die Bühne. Langsam. Zerbrechlich wirkt er, der Literaturnobelpreisträger. In der einen Hand hält er einen zerknautschten Hut, mit der anderen stützt er sich auf einen Gehstock. Mit Letzterem wird er später dem Premierenpublikum spielerisch drohen: Schluss jetzt, könnte das heißen. Die Ovationen scheinen den 83-Jährigen zu rühren – und zu überfordern. Denn so recht mag der Schriftsteller nicht an die Rampe vor. Vielmehr zieht’s ihn zu den Schauspielern, zu Jens Harzer und Marina Galic, die soeben sein neues Werk „Schnee von gestern, Schnee von morgen“ durchmessen haben. Kaum zu übersehen ist in diesem Moment, wie viel Dankbarkeit, Wertschätzung und Liebe Handke für die beiden empfindet.
Der Kärntner hat ihnen aber auch einiges aufgeladen. Sein Stück kommt ohne feste Rollenzuschreibung und weitgehend ohne echte Handlung aus. Im Zentrum steht ein „Kreuz-und-quer-Geher“, der gerne ein elftes Gebot formuliert und – als wiederkehrende Pointe – sein Tageshoroskop vorträgt. „Mein Kreuz-und-quer-Gehen ist ein Dramatisieren und zugleich Entdramatisieren“, stellt er einmal fest. „Schnee von gestern, Schnee von morgen“ ist ein Monolog mit Perspektivwechsel. Versammelt sind hier Momentaufnahmen eines Lebens, Alltagsbeobachtungen, Gedankenfetzen, Kindheitserinnerungen, Reime, Zitate aus Literatur und Liedern, Nonsens. Manche Assoziationsketten perlen prächtig; andere brechen unvermittelt ab. Es geht um Vergänglichkeit, um die Zeit, die uns auf der Welt zugestanden wird – und darum, wie wir sie genutzt haben. „Oder auch nicht?“ Mit dieser Frage reflektiert der Autor regelmäßig seinen Text und unterläuft damit elegant jegliche Schwere.
Als Handkes Buch Anfang des Jahres 2025 erschien, notierte die Kritikerin unserer Zeitung: „Das schmale Bändchen könnte als eine Art Selbstbefragung gelesen werden. Als ein Dialog mit dem eigenen Ich oder den mehreren eigenen Ichs. Entschlackt von jeglicher Handlung. Möglich, dass wir ihm auf der Theaterbühne wiederbegegnen, wofür sich Handkes Wortpoesie des Banalen, seine ,Überflugkraft des Unnützen‘, bestens eignen dürfte.“
So ist es. Peter Handke hatte sich gewünscht, dass sein Bühnenwerk in Salzburg uraufgeführt wird. Der Abend ist eine Koproduktion der Festspiele mit dem Berliner Ensemble, wo er am 29. August herauskommt. Regisseur Jossi Wieler lässt Harzer und Galic tief in diesen Wörter-See eines gelebten Lebens eintauchen und navigiert die beiden eindrucksvoll sicher hindurch. Anja Rabes hat einen Haufen Möbelschrott ins Landestheater wuchten lassen. Ein schönes Sinnbild für die Aufgabe unseres Daseins: Lässt sich aus diesen Einzelteilen etwas bauen? Vielleicht sogar etwas Behagliches, Wohnliches? Oder blicken wir hier bereits auf die Trümmer am Ende unserer Erdenzeit? Galic/Harzer begegnen den Holzplatten, Gestellen, Scharnieren, Eckstücken jedenfalls mit der Unbekümmertheit und Probierlust von Kindern.
Auf den Bühnenboden hat Rabes ein großes, wunderschönes Geflecht gemalt. Blutkapillare könnten das sein, das neuronale Netz des Menschen oder feinste Verästelungen von Wurzeln, die in die Vergangenheit reichen. Es ist jedenfalls jener magische Ort, an dem Erlebtes zu Erinnerung wird und sich aus Erinnerung ein gelebtes Leben formt. Hier entfalten Jens Harzer und Marina Galic mit enormem Sprachbewusstsein Handkes Text. Sie gestalten das Synapsengewitter des Erzählers variantenreich, sprechen mit- und gegeneinander, fallen einander ins Wort und ergänzen einander. Sie nehmen das Publikum mit auf eine poetische Reise, erdenschwer und doch leicht. Eine Reise, für die sie am Ende gefeiert werden.MICHAEL SCHLEICHER
Nächste Vorstellungen
am 29., 30. Juli sowie am 1., 2., 4. und 5. August; Telefon 0043/ 662 8045 500; Premiere im Berliner Ensemble am 29. August.