Ja, wo singen sie denn?

von Redaktion

Oper mit KI: „Rheingold“-Premiere bei den Bayreuther Festspielen

Zwischen Assoziationswust und einem 2026er-Update von Opas Diavortrag: Szene aus dem „Rheingold“ mit Bildern aus der Künstlichen Intelligenz. © Enrico Nawrath

Für alles gibt es ja eine Generalentschuldigung. Billig musste die Sache sein und bühnentechnisch nicht zu komplex. Dieser „Ring des Nibelungen“ war einst als Herzstück einer Mega-Sause gedacht. Wir erinnern uns: Alle jemals für Bayreuth gedachten Wagner-Dramen sollten zum 150. Geburtstag der Festspiele aufgeführt werden plus der Neuling „Rienzi“. Dann kam das große Finanzgespenst und zauberte viele Projekte in den Orkus. Jetzt haben wir den KI-Salat: einen „Ring“ mit Riesenbildern aus der Künstlichen Intelligenz und einem exquisiten Gesangspersonal, das in der digitalen Illustration absäuft.

Rätselfutter mit einer First-Class-Besetzung

Für Sängerinnen und Sänger gilt im „Rheingold“ Badekappenpflicht. So sieht jedenfalls die vorgeschriebene Kopfbedeckung aus, einzig bei Klaus Florian Vogt als Loge darf sich die Blondmähne wie eh und je entfalten. Alle sind sie weitgehend verdammt zum Stillstand und werden ein paar Meter hinter der Rampe postiert. In ihrem Rücken ein bühnenhoher Gazevorhang und vor ihnen, an der Rampe, leider auch. Projektionsflächen für die KI-Bilder sind das. Vor allem aber rücken uns die Stars unendlich fern. Visuell, dummerweise auch klanglich. Wie abgetrennt vom Publikum müssen sie singen. Im offenen Bühnenraum verschaffen sie sich schwer Resonanz, selbst Stimmen wie die von Wotan Michael Volle klingen matt. Auch Bayreuth-Debütant Alexander Grassauer, mit sonor-samtigem Bassbariton auf dem Weg zu ganz Großem, bleibt als Donner ein Gewitterchen. Ein Frust-Erlebnis für beide Seiten der Rampe.

Marcus Lobbes und Nils Corte werden wohlweislich nicht Regisseure genannt („Kurator“, „künstlerisch-technische Konzeption“). Ihre Computer haben sie mit 150 Jahren „Ring“-Geschichte gespeist, auch mit Bildern aus Politik und Gesellschaft. „Tracker“ sorgen dafür, dass die KI auf Stücke und Text live reagiert und Projektionen auswirft. Was bedeutet: Dreimal wird dieser „Ring“ in diesem Bayreuther Sommer gespielt, dreimal wird er vom Bildgeschehen her anders ausfallen. Keine bewegten Sequenzen sind das, Opas Diavortrag feiert Wiederauferstehung als 2026er-Update.

Immerhin liefert das Rätselfutter. Wieland Wagners „Ring“-Scheibe glimmt auf, Bruchstück-Bilder der späteren Produktionen von Patrice Chéreau, Harry Kupfer und Frank Castorf werden projiziert. Bei Alberichs Verwandlung in einen Drachen sieht man grünes Gewürm, beim Regenbogen-Finale gibt sich die KI werktreu: Der bunte Bogen wäre eine Zierde für jeden CSD. Ein kaum rhythmisierter, nie fokussierter Assoziationswust. Auge und Hirn sind dauerbeschäftigt und ermüden gleichzeitig. Konzertante Aufführungen sind dagegen ein Thriller. Buhs und Pfiffe nach dem letzten Ton, sie wirken wie eine Pflichterfüllung.

Man spürt, wie unschlüssig Sängerinnen und Sänger alledem gegenüberstehen. Dabei fährt Bayreuth First-Class-Personal auf: Michael Volle bleibt der führende Wotan unserer Zeit, Klaus Florian Vogt entdeckt mit Tenorfeinbesteck in der Loge-Partie ungewohnt Liedhaftes, Gerhard Siegels Mime neonleuchtet in allen Vokalfarben, auch die Rheintöchter sind mit Katharina Konradi, Natalia Skrycka und Marie Henriette Reinhold exquisit besetzt. Einzig Jochen Schmeckenbecher als Alberich (eine Indisposition?) fällt etwas ab. Sie alle führen vor: Gegen ihren gestischen Gesang, ihre in Klang übersetzte Textkunst hat KI keine Chance.

Erst recht nicht gegen den Mann am Pult. Christian Thielemann dirigiert dieses „Rheingold“ als Machtdemonstration. Alle sollen hören, dass er die Partitur im kleinen Finger hat, es ist ein Fest des Wissens und der Finessen. Was die Szene verweigert, spielt sich im überdeckten Graben ab. Mit dem Festspielorchester sorgt Thielemann für eine plastische, doppel- und dreifachbödige Interpretation. Die gute Nachricht: KI verliert im direkten Duell haushoch gegen analoge Kunst. Die schlechte: Bis zum Final-Akkord der „Götterdämmerung“ sind es noch zwölfeinhalb Stunden.MARKUS THIEL

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