Die KI-Version des „Walkürenritts“: Szene aus der von Marcus Lobbes und Nils Corte „kuratierten“ Premiere. © Enrico Nawrath
Ganz dumm ist die KI ja nicht. Lässt Richard Wagner die Zwillinge Siegmund und Sieglinde zum Inzest aufeinander los, sehen wir Verschwommenes von früher, aus Jürgen Flimms „Walküre“ zum Beispiel mit Waltraud Meier und Plácido Domingo. Dirigiert unten im Graben Christian Thielemann einen lässigen, eleganten, klangglitzernden „Walkürenritt“, werden Hubschrauber auf den Gaze-Vorhang projiziert – der Soundtrack aus „Apocalypse now“ lässt grüßen. Auch andere Produktionen aus den Bayreuther Annalen glimmen auf, von Wieland Wagner, von der Ausstatterin Rosalie. Und könnte die KI rot werden, dann wäre sie jetzt beschämt: Das waren immerhin Inszenierungen.
„Der Ring des Nibelungen“, Tag zwei, und auch bei dieser Premiere überblendet sich digital erzeugtes Bilderfutter ohne Unterlass. Etwas ruhiger scheint die Dauer-Illustration geworden, manche Bilder bleiben länger stehen. Mittlerweile trägt das Gesangspersonal durchwegs Flügelkostüme (Warum? Egal.), erneut verliert es visuell gesehen gegen die Projektionen. Als es zum Höhepunkt kommt, zur Todverkündigung, an dem sich Camilla Nylund und Klaus Florian Vogt begegnen, sie eine samtig-lyrische Brünnhilde mit Jubelton, er ein liedhafter Siegmund wie aus einer Oper von Carl-Maria von Weber und im Graben ein Dirigent, Christian Thielemann, der alles so erfüllt, so liebevoll mit dem Festspielorchester auffächert, wie es kaum besser geht, da wird dieser Abend endgültig zum Ärgernis. Die Musik wird durch die Szene nicht zusätzlich erhellt, sondern verdorben. Deshalb: Augen zu.
Der mit 150 Jahren (Bayreuth-)Geschichte gefütterte Computer spuckt einmal Thomas Mann, später Hitler aus, was im nächsten „Ring“-Durchlauf schon wieder ganz anders sein kann. Viel schlimmer ist aber: Durch das Setting – an der Rampe ein Gaze-Vorhang wie eine transparente Stoffmauer – rücken uns Sängerinnen und Sänger unendlich fern. Nicht nur akustisch, weil die Stimmen zu wenig Resonanz haben. In jeder konzertanten Aufführung wird eine stärkere emotionale Bindung zur Bühne aufgebaut. Wagners Musikdrama, das alle Sinne erfassen soll, vom Bauch über die Augen bis zum Hirn, ihm wird die Theaterluft entzogen: Tod durch Bilderstickung.
Neben Nylund und Vogt bietet Bayreuth noch Mika Kares auf, der einen ungewöhnlichen Belcanto-Hunding singt, dazu Anna Kissjudit als vokal (zu) eingedunkelte Fricka und Elza van den Heever als monochrome, etwas vokalfeste Sieglinde. Und es gibt Michael Volle. Am Ende des Wotan-Marathons sind ihm zwar Anstrengungen anzuhören. Doch so textklar, so klug nuanciert, so vielfältig im Ausdruck und in der Dosierung seiner Heldenbaritonmittel singt diese Partie gerade kein anderer. Thielemann baut nicht nur ihm alle denkbaren Orchesterbrücken. Es ist bei diesem Dirigenten nichts Neues. Aber die Plastizität des Klangs, die logische Tempo-Architektur, die Draufsicht, die sich mit der lustvollen Formulierung von Details verbindet, das macht Thielemann – gerade im akustisch kniffligen Festspielhaus – keiner nach. Ovationen und Trampeln, das Publikum klammert sich ans Musikteam wie an einen Rettungsring.MARKUS THIEL