Das Außergewöhnliche ist möglich

von Redaktion

Münchner Opernfestspiele: Wiederaufnahme von Giuseppe Verdis „Rigoletto“

Was unterscheidet eigentlich die Münchner Opernfestspiele vom normalen Repertoirebetrieb? Abgesehen vom saftigen Ticket-Aufgeld sowie Weinverkauf auf den Freitreppen meistens recht wenig. Und doch: Es wabert um das Nationaltheater stets die latente Möglichkeit des Außergewöhnlichen. Mit Verdis „Rigoletto“ wird genau das eingelöst.

Schon das Vorspiel steht unter Strom. Maurizio Benini nimmt Verdis Partitur mit italienischer Noblesse und ohne Effekthascherei. Das Bayerische Staatsorchester federt, leuchtet, drängt; Farben treten hervor, ohne den Fluss aufzuhalten. Dramatische Höhepunkte werden nicht nur behauptet, sondern sorgfältig vorbereitet. Im ersten Akt wächst die Spannung so folgerichtig, dass jeder Ausbruch wie die einzig mögliche Konsequenz erscheint. Diese Flughöhe hält der Abend später nicht ganz. Barbara Wysockas dunkle Bühnen-Blöcke fangen den musikalischen Sog auf. Wände werden verschoben, Räume geöffnet, Menschen eingeschlossen. Hinter der höfischen Oberfläche lauert eine Welt aus Sexualisierung und Gewalt; Sparafuciles BDSM-Keller ist nur ihre Kehrseite. Zwischen Vater und Tochter zeigt die Regie jedoch Zärtlichkeit: Blicke, Berührungen, kleine Fluchten voreinander.

Im Zentrum steht Nadine Sierra als Gilda. Ihr Timbre ist von einnehmender Natürlichkeit, die Register greifen nahtlos ineinander, die Höhe öffnet sich frei und hell. Kein Spitzenton wird ausgestellt; jeder ist organischer Höhepunkt einer Linie. Diese Stimme ist in ihrer Spannweite und Leuchtkraft geradezu astronomisch und doch bleibt die Figur hörbar: jung, verletzlich, bedingungslos liebend.

Ludovic Tézier stellt ihr einen eindrücklichen Rigoletto von großer innerer Dichte und emotionaler Einvernahme gegenüber. Sein Bariton trägt viele Farben, bleibt oft leicht abgedunkelt, hat hin und wieder etwas Stoff vor dem Metall. Bekhzod Davronov beginnt als Herzog vielversprechend, doch die Stimme verengt sich zunehmend; „La donna è mobile“ läuft später hörbar auf der Felge. Riccardo Fassis Sparafucile sieht gefährlicher aus, als er klingt.

Im dritten Akt wird auch Beninis Zugriff gröber. Das Orchester drückt auf die Stimmen, der Schluss fällt eher herab, als dass er trifft. Doch der Jubel, vor allem für Sierra, hat Recht. So wird aus Repertoire Festspiel.WILLI PATZELT

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