SALZBURG

Bewegendes Ende einer Ära

von Redaktion

Ex-Intendant Hinterhäuser begleitet Matthias Goerne

Der geschasste Markus Hinterhäuser (li.) und Matthias Goerne führten Schuberts „Winterreise“ auf. © Marco Borrelli

Am Mittwochabend ist das Salzburger Mozarteum Hochsicherheitszone. Herren mit Knopf im Ohr laufen herum und beobachten alle(s) aufmerksam. Mehrere Kamerateams fangen Reaktionen der Zuschauer vor Konzertbeginn im Foyer ein und filmen minutenlang die Reihen im Saal. Man glaubt, gleich kommen mehrere Staatspräsidenten oder Hollywoodstars auf die Bühne, doch es treten auf: der geschasste Ex-Festspielintendant Markus Hinterhäuser nebst Bariton Matthias Goerne. Es folgen Standing Ovations, Bravogebrüll, irgendwann beginnt dann doch noch das Konzert. Man gibt Franz Schuberts Weltschmerz-Abschiedszyklus „Winterreise“, den beide schon oft zusammen aufgeführt haben. Das Nicht-Besondere dabei: Es gibt keine Interpretation, die das Spezielle dieses vielleicht letzten Auftritts Hinterhäusers an der Salzach (es steht eventuell noch ein Messiaen-Konzert mit ihm und Igor Levit im August an) reflektiert. Sondern es wird nach bestem Wissen und Können musiziert!

Aber klingt „Der Lindenbaum“ nicht doch besonders melancholisch? Wird der traumverlorene „Wegweise“ nicht zum Menetekel für die Zukunft Hinterhäusers, ohne Job, ohne konkrete Pläne für die Zukunft? Sicher alles legitime Gedanken, die jedoch eher im Hirn des Hörers herumgeistern. Nein, dieses Konzert ist in aller Klarheit schlicht und – dies freilich im Wortsinne – ergreifend. Ein intensiver Schubert, mit all seinen Facetten an Hoffnungsschimmern, mit sanfter bis bedrohlicher Melancholie und mündend in den berühmten „Leiermann“. Hier kann man sich bei Goernes düster-karger Intonation und Hinterhäusers ins Poröse tendierendem Spiel dieser einzigartigen Aufführungssituation emotional doch nicht entziehen. Und warum auch? Der so verdienstvolle Ex-Intendant, dem eigene Fehler aber auch gewaltige politische Intrigen das Amt gekostet haben, lässt nun als Gast das Publikum an seinem Können teilhaben. Er (er-)findet bei Schubert nichts neu, sondern spielt sehr uneitel, bereitet Goerne ein Klangbett oder spinnt auch manche Girlande für ihn oder wirft ihm ein Klangseil zu. Eine gewisse Nervosität ist bei alldem allerdings zu spüren. Wie auch nicht…

Goerne füllt mit seinem dunklen, gelegentlich ins Kehlige tendierendem Timbre den Raum. Seine Stimme ist nicht jedermanns Sache, man versteht auch nicht jedes Wort, aber man hörte ihn früher schon deutlich undeutlicher. Er inszeniert ein leicht pathetisches Minitheater durch Gestik und Mimik, übertreibt dabei aber nicht. Lässt man alles Drumherum weg, bleibt als Resultat: hier konzertierten zwei verdiente Festspiel-Künstler, die auch am Ende mit kaum enden wollendem Jubel gefeiert wurden. Bis Markus Hinterhäuser, nun verschwitzt und müde wirkend, freundlich dankend abwinkt und den Applaus beendet. Die große Geste, die pompöse Show waren Hinterhäusers Sache nie. Und so endet diese große Ära stilvoll und unprätentiös. Chapeau!JÖRN FLORIAN FUCHS

Artikel 6 von 11