SALZBURG

Laute und leise Sensationen

von Redaktion

Massenets „Werther“ mit Benjamin Bernheim und Georg Nigls „Nachtmusik“

Duo-Nacht: Georg Nigl und Dörte Lyssewski. © Borrelli

Schmachten ohne Inszenierung: Benjamin Bernheim (Werther) und Adèle Charvet (Charlotte) im Großen Festspielhaus. © Marco Borrelli

Was wären die Salzburger Festspiele ohne das Drumherum? Sicher, die Stardichte auf der Bühne ist so hoch wie nirgends sonst. Aber ebenso gern lässt man mal den Blick durchs Foyer oder Parkettreihen schweifen. Dies war auch am vollgepackten Mittwoch nicht anders. Während da Ex-Intendant Markus Hinterhäuser im Mozarteum sein Comeback als Liedbegleiter feierte (siehe unten), saß die aktuelle Führungsriege von Kristina Hammer, Karin Bergmann bis Cecilia Bartoli bei Massenets „Werther“ im Großen Festspielhaus.

Natürlich kann dies einfach nur an Tenor Benjamin Bernheim gelegen haben, für den man diese konzertante Opernaufführung aufs Programm gesetzt hatte. Was der Franzose hier bot, war sensationell. Mit schlank geführter, dennoch durchschlagskräftiger Stimme gestaltete Bernheim diese Paraderolle mit bedingungsloser Hingabe. Melancholisch in sich gekehrt, bis die großen Gefühle an markanter Stelle umso heftiger aus ihm herausbrachen. Exemplarisch in der zentralen Arie „Pourquoi me réveiller?“, die vom Publikum so heftig bejubelt wurde, dass sogar Dirigent Alain Altinoglu ein Einsehen hatte und den sichtlich bewegten Tenor zum Da Capo aufforderte. Das passiert selbst in Salzburg nicht aller Tage!

Lob gebührt ebenso seiner Partnerin Adèle Charvet, die selbst während der Ovationen nie aus ihrer Rolle fiel und die Spannung hielt. Zuvor hatte sie in der Briefszene mit dunkel schimmerndem Mezzo und differenzierter Artikulation tief in Charlottes Seele blicken lassen. Nuanciert begleitet vom Orchester des Théâtre Royal de la Monnaie aus Brüssel.

Damit war der Tag noch lange nicht zu Ende. Knappe acht Minuten nach dem Schlussakkord des „Werther“ ging es schon weiter, mit der von Bariton Georg Nigl konzipierten „Kleinen Nachtmusik“ in der Edmundsburg. Gute 200 Treppenstufen oberhalb der Festspielhäuser. Aber mit der nötigen Kondition und dem nötigen Willen war selbst dieser Sprint auf den Mönchsberg in knapp vier Minuten zu bewältigen. Zum Glück: Karten für diese Kult-Veranstaltung sind auch im vierten Jahr Mangelware.

Es ist ein Format, das durch seine Exklusivität einerseits typisch ist für Salzburg, gleichzeitig aber auch wohltuend aus der Gigantomanie der Festspiele ausschert. Gerade mal hundert Menschen haben da auf engstem Raum Platz. Und mehr wären sowohl aus konzeptionellen als auch aus musikalischen Gründen gar nicht möglich. Gebaut wurden die fünf Late-Night-Konzerte diesmal rund um das Original-Clavichord des jungen Wolferl Amadé, das den Festspielen als Leihgabe des Mozart-Geburtshauses zur Verfügung gestellt wurde. Ein Instrument, bei dessen filigranen Klängen man die Ohren schon genau spitzen musste. Wobei sich der Tastenvirtuose Alexander Gergelyfi erneut als Stilist ersten Ranges erwies. Ebenso wie Georg Nigl, der bei seinen Mozart-Miniaturen zu einem klaren, volksliedhaften Ton fand.

Verschränkt wurden die musikalischen Beiträge mit ausgewählten Briefen, in denen der junge Mozart lustvoll über Fürze oder seinen A…. schreibt oder dem Augsburger Bäsle den Rat gibt, „ins Beet zu sch….., bis es kracht“. Und ja, es ist vielleicht ganz gut, dass diesen Sommer mit Dörte Lyssewski eine gestandene Grande Dame des Wiener Burgtheaters liest, die diese pubertierenden Zoten mit der nötigen Abgeklärtheit und einer gesunden Portion Ironie präsentiert. Zuweilen allerdings auch so hinterkünftig, dass es selbst Nigl und Gergelyfi schwerfiel, das Pokerface zu wahren. Mozart kann auch beim Dichten weder den Spaßmacher noch den Komponisten in sich verleugnen. Seine deftigen Verse und Reime haben eine ganz eigene Melodie und ihren besonderen Rhythmus, den Lyssewski mit hoher Musikalität herauskitzelte.

Ein Konzert, dass die Ohren nach Massenets Sturm der Leidenschaften wieder eichte. Und als man kurz vor Mitternacht den Heimweg antrat, wirkte auch das vorher so hektisch wuselnde Salzburg auf einmal wieder ganz ruhig und friedlich.TOBIAS HELL

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