BAYREUTH

Nicholas Brownlee als Holländer

von Redaktion

Nicholas Brownlee, Ausnahmebariton. © Nawrath/press

Es ist Tag sechs der Festspiele, da passiert etwas Verrücktes. Eine vollwertige Inszenierung und ein Bayreuth-würdiges Stück, beides gab es in dieser Combo heuer noch nicht – obwohl es der Normalfall sein sollte. Regisseur Dmitri Tcherniakov brachte seinen „Fliegenden Holländer“ 2021 heraus, ein Rache-Thriller. Der erzählt nicht nur von Senta, sondern vom Titelhelden, der als kleiner Junge beobachtet, wie seine Mutter von Dorfvorsteher Daland missbraucht wird – und sich erhängt. Ein Trauma, der Erwachsene sinnt auf Vergeltung.

Die dunkle Story funktioniert auch nach fünf Jahren. Weil Tcherniakovs Inszenierung einen Rahmen bietet, in dem sich das Gesangspersonal natürlich und schlüssig bewegen kann, auch wenn es bei der Premiere nicht dabei war. Benjamin Bruns zum Beispiel als Erik. Seine Tenorstimme spricht in allen Vokalsituationen an, kann immer frei ausschwingen, dazu kommt ein Timbre von exzellenter Qualität. Das Lyrische, die heldenhaften Ausbrüche, das Textbewusste, das Bewältigen der kniffligen Lage, alles verbindet sich bei Bruns zum Musterfall.

Erstmals steht Nicholas Brownlee als Holländer auf der Bayreuther Bühne. Und provoziert zum Superlativ: Schon jetzt reiht sich der Amerikaner ein in die große Heldenbariton-Reihe am Hügel. Eine Stimme wie aus dem Granitsteinbruch, imponierend, mit enormer Projektionskraft, aber auch fähig zum Zärteln, zum Konversationston – zumal Brownlee nicht der dämonische Typ ist, sondern seinen Überfiguren (wie beim Münchner Wotan) viel Menschliches abgewinnt. Brownlee singt teils sehr riskant. Eine Unbekümmertheit ist da herauszuhören, die ihn hoffentlich nie über Grenzen treibt: Von diesem Ausnahmesänger kann das Wagner-Fach viele Jahre profitieren.

Mika Kares bietet ihm als Daland Paroli. Singdarstellerisch einschüchternd, doch ohne (wozu er manchmal neigt) Brutalo-Charme. Elisabeth Teige funktioniert als Senta-Gesamtpaket. Den zerrissenen Charakter macht sie plausibel, an die eingedunkelte Stimme muss man sich gewöhnen. Dirigentin Oksana Lyniv hat seit der Premiere mit dem Festspielorchester einen Verfeinerungszustand erreicht, der fast ins Überprononcierte driftet. Manch ruhige Passagen werden nun überdehnt. Doch wird dadurch der Kontrast zu den Sturm-Stellen nur eindrücklicher. Ovationen, es ist der Erleichterungsjubel von KI-Geschädigten aus dem „Ring“.MARKUS THIEL

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