Improvisierte Klimaanlage an den Garderoben. © th
Wieland und Wolfgang Wagner werden von der KI einmal als Projektion ausgespuckt. Man kann sich dabei was denken – oder auch nicht. © Enrico Nawrath
Am Tag sieben in Bayreuth fallen die Hüllen. Mindestens zwei Herren in kurzen Hosen stolzieren ums Festspielhaus, ein anderer im roten Schottenrock. Eine Emanzipationsbewegung der Männer bei 35 Grad: Wo die Gala-Damen schulterfrei bleiben oder sich bekleiden dürfen mit einem bunten Stoff-Nichts aus Leinen oder Seide, fordert das andere Geschlecht nun sein Recht. Wobei: An diesem „Siegfried“-Tag hält mancher noch fest an der Tradition. Fliege, Krawatte, alles in Schwarz, nur das Sakko wird über den Arm oder lässig über der Schulter getragen – wo sich binnen Sekunden der Schweißfleck abzeichnet. Ein rührender Brauch männlicher Festspielgäste. Offenbar wollen sie demonstrieren, überhaupt ein Jackett zu haben.
Oben 35 Grad, im überdachten Graben sind es mindestens fünf mehr. Und das Beste: Man hört es nicht. Dieser „Siegfried“ wird sogar zum musikalisch Besten des bisherigen „Ring des Nibelungen“. In Akt drei hat sich Christian Thielemann endgültig in die Partitur verknallt. Wie immer gibt er den Bauchmusiker mit Übersicht, der begeistert von Wagners Klängen kostet – und alle, Solo-Riege plus Festspielorchester, mitnimmt auf seine Lustreise. Doch das große Aufwallen bleibt strukturiert, Feinheiten werden ausformuliert und eingepasst. Analyse und das Sensorium für Theatralik ergänzen sich – wie es eben so ist, wenn einer das Stück x-mal aufgeführt hat und sich daran nicht sattdirigieren kann.
Vor allem stehen Thielemann Sängerinnen und Sänger zur Verfügung, mit denen er einen weiten Bogen schlagen kann – vom Lyrisch-Intimen bis zum großen dramatischen Aufriss. Klaus Florian Vogt (Siegfried) und Camilla Nylund (Brünnhilde) sind ja gerade keine Vokaltypen fürs Stahlgewitter. Marathonmann Vogt, in diesem „Ring“ nach Loge und Siegmund in der dritten Rolle aktiv, singt den zweiten Akt erwartungsgemäß wie ein überlanges Kunstlied. Doch dann gibt es auch stabile, imponierende Töne, die ihm vor zehn Jahren noch keiner zugetraut hätte. Außerdem disponiert er mehr als klug: Im letzten Akt, wenn andere Siegfriede mit blutenden Stimmbändern ihre Brünnhilde wachküssen, ist Vogt fast so frisch wie im ersten Takt.
Auch Camilla Nylund entwickelt ihre Brünnhilde aus dem Lyrischen: ein warmer, gerundeter Klang, eine technische Sicherheit in allen Lagen. Kein Soprangeschütz wird hier abgefeuert, sie kann das Menschliche der Tochter Wotans hörbar machen. Letzterer hat hier seinen besten „Ring“-Tag: Michael Volle bringt den Witz und das Feinbesteck mit für Akt eins, kann aber auch götterväterlich aufdrehen. Fast jedes Wort ist zu verstehen, nicht nur bei ihm. Auch bei Gerhard Siegel, der – ein klangliches Paradox – als Mime fast heldentenoraler als Klaus Florian Vogt klingt. Christa Mayer ist eine Erda mit großer Autorität, Jochen Schmeckenbecher ein wackerer Alberich.
Sie alle scheinen mit dem Bühnensetting lockerer umzugehen als in den ersten beiden „Ring“-Teilen. Keine Singsäulen mehr, vor allem Klaus Florian Vogt, der – man spürt es – Bewegung auf der Bühne braucht, flaniert manchmal zwischen den beiden riesigen Gaze-Vorhängen und scheint die KI-Bilder staunend zu betrachten. Oder ist es eher spöttisch?
Ermüdendes Ratematerial der KI
Der Zufallsgenerator für die Projektionen hat inzwischen einen Gang zurückgeschaltet. Noch immer gibt es das übliche Programm aus 150 Jahren (Bayreuth-)Historie. Unscharfe Bühnenbilder aus vergangenen „Ringen“ als Ratematerial, Willy Brandt, die beiden Wagner-Enkel, der Schriftzug „Sorry, no gas today“ – ein Plakat aus der ersten Ölkrise. Als der Waldvogel (Victoria Randem) singt, spukt die KI tatsächlich Eisvögel und Kolibris aus – der Computer als Intelligenzbestie.
Im Festspielhaus kippen manche Köpfe nach vorn und zur Seite. Die Bilderberieseling überfordert die Synapsen, die Temperatur tut ihr Übriges. Aus den Sängergarderoben hängen Schläuche, drinnen stehen Ventilatoren – mangels Klimaanlagen leidet auch das Bühnenpersonal. Inzwischen gibt es wieder vereinzelt Karten für diesen „Ring“: Frust verbreitet sich über die Szenerie. Auch Promis auf der Bühne und im Graben können den wohl nicht mildern.MARKUS THIEL