BAYREUTHER SEITENBLICKE

Gute Nacht, Richard

von Redaktion

Tag vier des „Rings“, das große Finale. Hier erweist sich nicht nur, ob Sängerinnen und Sänger durchhalten, sondern auch Anzüge und Kleider. Die Entwicklung des Deos (und dessen Gebrauch) hat sich optimiert, auch bei 35 Grad Außentemperatur und im Saal, der in Bayreuth bekanntlich ohne Klimaanlage auskommen muss. Männer wechseln mittlerweile ihre Hemden mindestens zweimal die Woche. Und doch: Es müffelt. Anzüge rufen nach chemischer Reinigung, immer lauter, immer intensiver. Dazu muss man wissen: Im „Ring“ ist man zum selben Platz und damit zu denselben Nachbarinnen und Nachbarn verurteilt. Vier Opern lang, 15 Spielstunden. Deshalb scannt man am Eröffnungstag die nähere Umgebung: Hält man es neben dem- oder derjenigen so lange aus? Droht eine Dampfplauderei, ungefragt und penetrant? Und eben: Wie steht’s mit der Hygiene?

Die Bayreuther Pressestelle hat da eine Gewohnheit: Journalistinnen und Journalisten werden gern zusammengesetzt, vielmehr (im Festspielhaus ist es ja eng) zusammengepfercht. Links neben mir der Vertreter einer großen deutschen Tageszeitung. Kurzes Kopfnicken an jedem Aufführungstag zur Begrüßung, ansonsten Stummfilm. Ist mir recht, der Mann ist nicht unbedingt ein Sympathieträger. Die Dame rechts neben mir dagegen schon. Die kenne ich schon lange. Eine wunderbare Kollegin. Doch sie hat viel zu tun. Und offenbar sind ihre Nächte kurz, man will sich – das geht mir ja auch so – nach dem letzten Ton noch austauschen. Und das funktioniert am besten mit Kulinarischem.

In der „Götterdämmerung“ ist es jedenfalls vorbei, also mit ihrer Aufmerksamkeit. Der erste Akt dauert bei Thielemann zwei Stunden, geschätzte eineinhalb verschläft sie. Nicht zusammengesackt, sondern mit Linksdrall. Immer wieder neigt sich der müde Körper zu mir. Zwangskuscheln bei Richard Wagner, es gibt Schöneres. Ab und zu schreckt sie hoch und notiert sich etwas. Zwei Plätze weiter ein ebenfalls bekannter Kollege, auch er schlummert selig, allerdings zentriert, ohne Nachbarsbelästigung. Beide wollen nach der „Götterdämmerung“, also um 23 Uhr, noch weiter mit dem Auto zur nächsten Festspielstation. Ich habe keine Angst um sie, die sind ja ausgeschlafen.

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