Noch ein lauter Ton, Freundchen: Georg Zeppenfeld (Gurnemanz, re.) und Andreas Schager (Parsifal). © Enrico Nawratz
Einen diffusen Bilderwust, erzeugt von Künstlicher Intelligenz, gibt es auch am letzten „Ring“-Tag in der „Götterdämmerung“ © Enrico Nawrath
Zwei Autobahnen kreuzen sich in diesen Tagen auf dem Grünen Hügel. Datenautobahnen sind es; auf der einen gibt es keinen Verkehr mehr, eine Vollsperrung. Auf der anderen rast alles, kein Tempolimit – ein Chaos, so scheint es, aber kein Unfall. Auf Highway Number one war einst der „Parsifal“ unterwegs. Als der 2023 bei den Festspielen herauskam, feierte sich Bayreuth als Speerspitze des digitalen Theaters. Wer viel mehr zahlte, bekam eine Brille für die „Augmented Reality“ (AR). Was man sah? Nicht mehr als Garnierungen aus dem Computer: Sang unten auf der echten Bühne jemand vom Schwan, flogen welche durchs Blickfeld. Manches wirkte wie ein Bildschirmschoner, anderes auf der Stufe eines Atari-Geräts der Achtzigerjahre. Damit ist es 2026 vorbei.
Thielemann ist das Ereignis dieses „Rings“
Immerhin folgte Katharina Wagner dem Ruf des Uropas. „Kinder, schafft Neues“ – die Festspielchefin als Testamentsvollstreckerin. Auch deshalb der diesjährige „Ring des Nibelungen“ mit seinen Bildern aus der Künstlichen Intelligenz (KI). Als in der „Götterdämmerung“ zum vierten Mal der Assoziationswust aus 150 Jahren (Bayreuth-)Historie auf die Gaze-Vorhänge projiziert wird, ist auch der Letzte genervt. Und als sich erst nach diesem vierten „Ring“-Teil das Konzeptionsteam zeigt (so ist es hier Brauch), geht auf Marcus Lobbes und Nils Corte kein Buhgewitter nieder. Es ist ein Hurrikan.
Sie haben’s versucht. Alles war bekanntlich anders geplant in diesem Sommer zum 150. Festspielgeburtstag. „Der Ring des Nibelungen“ als einmaliger Sonderfall, eine ungeplante Sparversion, das lud ein zum Experiment. Das Scheitern als Chance: Wer weiß, wann und in welcher Form die KI wieder mitmischt auf der Bühne? Oper aus der Chip-Tüte: Die Fehler dieses „Rings“ fallen ins Auge, jetzt müsste man vielleicht weiterbasteln. Beim „Parsifal“ wurde dagegen der Stecker gezogen. Und siehe da: Im nun rein analogen Theater, ohne AR-Brillen und fliegende Schwäne, spielt einer die Hauptrolle, weshalb es uns zur Oper zieht. Es ist der singende Mensch.
Und was für singende Menschen da aktiv sind! Wieder Georg Zeppenfeld als Giga-Gurnemanz: Nach zwei, drei belegten Tönen findet er zur Bestform. Deutscher Belcanto, alles auf Linie gesungen, dennoch perfekt textverständlich, klug nuanciert – kein anderer Sänger des Bayreuther Sommers macht ihm das nach. Michael Volle als Amfortas (direkt nach drei Wotanen!) ist ihm dicht auf den Versen. Andreas Schager absolviert den Parsifal auf dem linken Stimmband. Wie bei seinem Rienzi zu Beginn der Pemierenwoche bedeutet Gesang bei ihm flächendeckende Beschallung, einige wenige Male probiert er auch Lyrisches. Miina-Liisa Värelä (Kundry) hat einen gut durchgebildeten dramatischen Sopran, ein schönes Timbre, doch leider nur eineinhalb Farben, kaum ein Wort ist zu verstehen.
Das Beste an Jay Scheibs Inszenierung: Sie stört nicht sonderlich. Den Raubbau der „seltenen Erden“ zeigt er im Schlussakt, ein bisschen Umweltpolitik, ansonsten wird in Akt eins minutenlang die sabbernde Wunde von Amfortas behandelt, man sieht es als Leinwand-Projektion. Das Farbspektrum ist meist psychedelisch, die Aussagekraft begrenzt. Pablo Heras-Casado dirigiert den „Parsifal“ als Episodenwerk: viele genau formulierte Momente, sie wollen sich nicht recht runden zum Konzept.
Es ist wie eine dürftige Kopie von Christian Thielemann. In der „Götterdämmerung“ zeigt er mit dem Festspielorchester noch einmal, wer am Hügel musikalisch das Sagen hat. Es ist ein Paradox. Der Mann bewegt sich in der Partitur wie ein lustvoller Flaneur. Gleichzeitig ist da diese Drauf- und Übersicht. Kein anderer Dirigent hat derzeit so viel „Ring“-Erfahrung, man hört es in jedem Takt. Die Tempo-Architektur, die Steigerungsdramaturgie, die Klangabmischungen mit ihren wie begeistert formulierten Details – es ist das Ereignis dieses „Rings“.
Ungewohnt lyrisch ist auch in der „Götterdämmerung“ die Besetzung. Keine Überwältigungsstimmen. Klaus Florian Vogt schafft den Marathon. In allen „Ring“-Opern ist er dabei, am Ende, wo andere Tenöre ihre Stimmreste zusammenkratzen, ist er noch (fast) frisch. Camilla Nylund singt ihre Brünnhilde, als sei’s aus einer Oper von Richard Strauss – mit lyrischer Fülle, vielleicht etwas zu kleinformatig fürs Festspielhaus, aber mit Jubel-Spitzen bis zum Schlussmonolog. Mika Kares bleibt als Hagen schwarzsamtig, raumfüllend und einige Nuancen schuldig.
Das Team an der KI ist etwas auf die Bremse getreten, die Bilder wechseln nicht mehr so hektisch. Es ist, das wird immer mehr zum Ärgernis, ein „Ring“ für Insider. Wer die szenischen Zitate aus früheren Inszenierungen nicht kennt, wird ausgesperrt. Dreimal geht der Vorhang zu bei den großen symphonischen Zwischenspielen. Man ist allein mit Thielemann und dem Orchester. Sofort springt das Kopfkino an. Ein KI-Projekt, das sich selbst widerlegt: Dieser „Ring“ ist ein Plädoyer fürs Analoge und für die Fantasie.MARKUS THIEL