Schriftstellerin und Journalistin Özge Inan. Ihr Buch „Die Dichterin“ ist gerade erschienen. © Sophia Rossberg
Emma Rodenstock ist der neue Stern am Literaturhimmel. Eine eigenwillige junge Frau aus der Unterschicht, die in ihren wütenden Gedichten über Armut, Ausgrenzung und mangelnde gesellschaftliche Teilhabe schreibt. Und das mit einer Wucht, dass das Feuilleton jubiliert, Talkshows sich um sie reißen und der Literaturbetrieb sie mit Preisen überhäuft. Auch Nazanin Esfahani ist von Emma fasziniert. Die Jungjournalistin will ein Porträt über die charismatische Lyrikerin schreiben und stößt dabei auf Ungereimtheiten, die sie schon bald an der Ehrlichkeit der Erzählerin zweifeln lassen. Mit „Die Dichterin“ legt Özge Inan („Natürlich kann man hier nicht leben“) ihren zweiten Roman vor. Und, so viel vorweg: einen, der sich unbedingt zu lesen lohnt.
Was zunächst wie ein Enthüllungsroman erscheint, entwickelt sich schnell zu etwas Vielschichtigerem. Özge Inan stellt weit mehr als nur die Frage, ob Emma Rodenstock die Frau ist, für die sie sich ausgibt. Sie blickt kritisch auf einen Literaturbetrieb, der sich in die Figur hinter der Geschichte verliebt hat und einer Protagonistin verfallen ist, die zu gut ist, um nicht wahr zu sein. Feuilletons, Verlage und Soziale Medien ringen um die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit und gieren nach Geschichten, die nicht nur schön zu lesen, sondern bestenfalls clever zu vermarkten sind.
Dabei entwickelt „Die Dichterin“ einen echten Sog, wird zum Spannungsroman, in dem die Fallhöhe der Protagonistin mit jeder Seite größer wird. Als Lesender ist man ganz nah dran, folgt mal Emma Rodenstock und ihren Gedanken, wechselt dann zur Perspektive von Nazanin. Die junge Redakteurin will sich mit ihrer Recherche nicht nur einen Namen machen, sondern auch die Übernahme im Zeitungsverlag sichern. Scharfsinnig wird hier der Redaktionsalltag skizziert, in dem persönlicher Ehrgeiz und moralischer Anspruch kollidieren. Özge Inan kennt die Welt, über die sie schreibt. Sie ist selbst nicht nur Autorin, sondern auch Journalistin.
Kapitel für Kapitel verschiebt sie in ihrem Buch Gewissheiten, lässt Sympathien immer wieder die Seiten wechseln. Klar ist am Ende eigentlich nur eines: Was die beiden Frauen in ihrem Roman eint, ist der Wunsch, gehört zu werden. Beide wollen nicht nur schreiben, sondern auch etwas sagen. Etwas, das die Welt verändert und zur Wahrheit beiträgt. Doch in einer Gesellschaft, die das Echte einfordert und gleichzeitig falsche Fassaden feiert, lässt sich dieser Anspruch nur schwer umsetzen. „Die Dichterin“ zeigt, wie schmal der Grat zwischen Selbstinszenierung und Selbstbehauptung ist. Özge Inan ist ein großartiger Roman gelungen. Einer, der deshalb so viel Spaß beim Lesen macht, weil er fesselt und intelligente Fragen stellt und seiner Leserschaft bis zum Schluss unbequeme Einsichten eröffnet.
Özge Inan stellt „Die Dichterin“ am 28. September um 20 Uhr in München bei Heppel & Ettlich (Feilitzschstraße 12) vor. Tickets unter loveyourartist.com.ASTRID KISTNER
Özge Inan:
„Die Dichterin“. Piper Verlag, 224 Seiten, 24 Euro.