KONZERT

Kraftvolle Jugendsünde

von Redaktion

„Prima la musica“ oder „Prima le parole“? Die Frage, ob nun Musik oder Text im Fokus stehen, ist so alt wie die Oper selbst. Und bei Mozarts Frühwerken fällt die Antwort meist eindeutig aus. Würdigt man doch eher das komponierende Wunderkind und weniger die schablonenhaften Libretti. Dabei lässt sich auch den „Jugendsünden“ mit der rechten Idee einiges abgewinnen, wie nun Birgit Kajtna-Wönig bei ihrer semi-szenischen Einrichtung des „Lucio Silla“ in der Salzburger Felsenreitschule zeigte. Die Übertitel sind bei ihr nicht nur Übersetzungshilfe, sondern spielen aktiv mit. Wenn zentrale Worte grafisch hervorgehoben werden, der „Zorn“ und das „tobende Herz“ auch im Schriftbild zu beben beginnen. Oder wenn eine Animation die Liebes-, Freundes- und Feindschafts-Beziehungen rekapituliert. Energiezentrum dieser Matinee bleibt aber natürlich trotzdem Dirigent Adam Fischer (Foto: SF/Marco Borrelli), der die dramaturgischen Schwächen durch subtile Kürzungen eliminierte und dafür umso mehr Herzblut in die großen Gefühlsausbrüche legt. Fischer und das Mozarteumorchester agieren dabei stets auf Augenhöhe mit dem Ensemble rund um den kraftvoll herrschenden Titelhelden Giovanni Sala. Am dankbarsten hat Mozart dabei zweifellos Nina Solodvnikova bedacht, die als Giunia eine breite Palette von Emotionen zeigen darf. Während Xenia Puskarz Thomas und Martina Russomanno sich in den beiden heroischen Hosenrollen mit der nötigen stimmlichen Autorität in Szene setzen. Sie agieren hier ebenso stilsicher wie Lilit Davtyan als Celia. Selbst, wenn sich die vier Frauen von der Stimmfarbe her vielleicht doch etwas zu sehr ähnelten. Doch was dies angeht, drückt man angesichts der glänzenden Einzelleistungen gern ein Auge zu. TOBIAS HELL

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