Verloren im Weltall

von Redaktion

Salzburger „Ariadne auf Naxos“ kann szenisch nicht überzeugen

Auch Kate Lindsey (li.) ist musikalisch in Bestform.

Christina Nilsson kann in der Titelrolle mit ihrer jugendlich-dramatischen Stimme überzeugen. © Thomas Aurin/Festspiele (2)

So hundertprozentig will es in diesem Jahr mit den szenischen Opernpremieren auch im zweiten Anlauf nicht klappen. Dies legen zumindest die Gesprächsfetzen nahe, die man an der Bushaltestelle am Karajan-Platz in Salzburg aufschnappt, wo mehr als ein Festspielgast über „diese modernen Inszenierungen“ wettert. Wobei dies im Falle der „Ariadne auf Naxos“ objektiv betrachtet, nicht mal stimmt. Denn wirklich modern ist in dieser matten Neuproduktion von Ersan Mondtag eigentlich nur das Bühnenbild, das die Geschichte auf einem fernen Wüstenplaneten ansiedelt. Die Personenführung kommt dagegen so steif und statisch daher, dass die Buh-Orkane nach dem Schlussvorhang wohl eher gelangweiltem Frust als tatsächlicher Erregung geschuldet waren.

Science-Fiction lässt grüßen

Im Programmheft liest man zwar kluge Gedanken über Elon Musk und Jeff Bezos, deren Raumfahrt-Ambitionen mit Daidalos und Ikarus gleichgesetzt werden. Oder von kulturellen Zeitkapseln, Kriegs- und Fluchtszenarien. Aber auf der Bühne im Haus für Mozart ist davon selbst mit viel gutem Willen nur wenig zu entdecken. Mondtag hat die doppelbödige Komödie von Strauss und Hofmannsthal eher brav vom Blatt inszeniert. Den Rest muss Choreografin Ashley Alexandra Wright rausreißen. Oder Video-Designer Alexander Pannier, der im Hintergrund Raumschiffe kreisen lässt und sich bei der Ästhetik von Science-Fiction-Klassikern wie „Dune“, „John Carter“ oder „Das fünfte Element“ bediente.

Lediglich einmal blitz da kurz ein cleverer Regieeinfall auf. Wenn Zerbinetta ihre große Arie über die unterschiedlichen Spielarten der Liebe eben nicht an die trauernde Ariadne richtet, sondern an den verklemmten Komponisten. Diese Hosenrolle entpuppt sich hier nämlich tatsächlich als Frau, die offenbar für die Karriere in Männerverkleidung schlüpfte und durch diese Predigt endlich neues Selbstbewusstsein entwickelt. Und Kate Lindsey spielt dies sehr überzeugend. Genauso wie sie zuvor bereits im Prolog mit ihrem elegant geführten Mezzo begeisterte.

Denn zumindest in vokaler Hinsicht gibt sich diese Produktion kaum eine Blöße. So ist in der Titelrolle mit Christina Nilsson eine frische jugendlich-dramatische Stimme zu vernehmen, von der bei umsichtiger Karriereplanung noch viel zu erwarten ist. Und auch die zahlreichen kleinen Partien hat man in Salzburg ebenso jung wie überzeugend besetzt. Angefangen bei Jasmin Delfs, Anja Mittermüller und Marlene Mertzger, die als Ariadnes Begleiterinnen gute Figur machen. Bis hin zur Komödiantentruppe rund um Leon Košavic als Harlekin. Schade also, dass sie alle durch die quietschbunten, aber oft eher einengenden Kostüme nur selten frei spielen können.

Ein Schicksal, das auch Salzburg-Debütantin Ziyi Dai teilt. Sie verfügt über einen gelenkigen Sopran, der sich umso wohler zu fühlen scheint, je höher die Stimme gen Himmel segeln darf. Wirklich Komödie spielen, darf sie dabei aber nur selten. Es dominiert das Philosophische, von dem sich auch Dirigent Manfred Honeck anstecken lässt. Am Pult der Wiener Philharmoniker setzt er auf ein schlankes Klangbild, bei dem selbst im pathosgeschwängerten Finale zarte Pastelltöne dominieren. Eine Chance, die wiederum Eric Cutler zu nutzen weiß. Kein klassischer Heldentenor, sondern ein Stilist mit lyrischer Vergangenheit, der sich von der Materialschlacht um ihn herum nie ablenken lässt. Und dies empfiehlt sich auch fürs Publikum.TOBIAS HELL

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