Das Herz des Festivals: Blick auf die Piazza Grande, wo sich regelmäßig tausende Fans einfinden. © Jean-Christophe Bott
Locarno lockt wieder tausende Fans anspruchsvoller Filmkunst aus aller Welt ans malerische Ufer des Lago Maggiore: Ab heute bis zum 15. August lädt das 79. Internationale Filmfestival in den bekannten Schweizer Urlaubsort. Deutsche Filmkünstler und Produzenten sind im Hauptwettbewerb um den Goldenen Leoparden und in den anderen Sektionen, Reihen und Wettbewerben kraftvoll vertreten.
Im Vorjahr holte die österreichisch-deutsche Koproduktion „White Snail“ eine der wichtigsten Auszeichnungen des Filmfestivals, den Spezialpreis der Jury, die bedeutendste Ehrung neben dem Goldenen Leopard. Der ging zuletzt vor drei Jahren zumindest zu einem Teil nach Deutschland, an die deutsch-iranische Produktion „Critical Zone“. Auch in diesem Jahr sind die Chancen auf eine Auszeichnung gut. Denn immerhin fünf deutsche oder mit deutschem Engagement entstandene Koproduktionen laufen im insgesamt 17 Filme zeigenden internationalen Wettbewerb, dem „Concorso Internazionale“.
Auch in anderen Sektionen, Reihen und Wettbewerben ist das deutsche Kino zahlenmäßig kraftvoll vertreten, so in dem Nachwuchstalenten vorbehaltenen Wettbewerb „Cineasti del Presente“ („Filmemacher der Gegenwart“). Hier konkurrieren 15 Filme aus aller Welt, drei davon kommen aus Deutschland oder wurden mit deutscher Beteiligung realisiert. Hoffen auf eine Ehrung kann beispielsweise die Regisseurin Ann Oren („Piaffe“). Sie zeigt ihren zweiten Film „Objet a“. Das mit Aenne Schwarz und Louis Hofmann in den Hauptrollen prominent besetzte Drama reflektiert Freiheiten und Grenzen von Paarbeziehungen in der heutigen bürgerlichen Gesellschaft. Mit besonderer Spannung erwartet wird die deutsch-ukrainische Koproduktion „I rarely wake up Dreaming“ der Regisseurin Isabelle Stever. Ausgehend von einer Lovestory erzählt sie von den Schrecken des Krieges in der Ukraine.
Dem dürften auch viele Beiträge im Wettbewerb „Cineasti del Presente“ („Filmemacher der Gegenwart“) entsprechen. Aus Deutschland dabei ist zum Beispiel Nicolaas Schmidt mit „September Afternoon“. Der Regisseur setzt in seinem Gesellschaftsporträt auf große Experimentierfreude. Ungewöhnlich ist zudem „Morgen vor langer Zeit“. Regisseurin Luise Donschen erzählt die Geschichte einer Frau aus der DDR, die den Problemen der Wende und der Wiedervereinigung auf ungewöhnliche Weise begegnet. Das Festival in Locarno gilt als international wichtigste Tribüne für anspruchsvolles Kino. Die in diesem Jahr rekordverdächtige Zahl von fast 8000 Einreichungen zeigt die Bedeutung für die Branche. Auch der Publikumszuspruch ist enorm. Tausende kommen, campieren teilweise abenteuerlich in Pensionen, bei Familien oder in Zelten.PETER CLAUS