Gabriela Scherer, Schweizer Sopranistin. © Tatyana Vlasova
„Vieles geht total unter die Haut“: Gabriela Scherer als Irene in der Festspiel-Inszenierung von Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka. © Enrico Nawrath
Die Opernwelt schaut in diesen Wochen noch mehr als sonst auf Bayreuth: Wagners „Rienzi“ wird bekanntlich erstmals im Festspielhaus gespielt. Gabriela Scherer verkörpert die Irene, Schwester des Titelhelden. Der Premierendampf hat sich nun verzogen, höchste Zeit für ein Gespräch mit der Schweizer Sopranistin.
Wie haben Sie diese ungewöhnliche Premiere erlebt?
Ich hatte mir eine Art Tunnelblick angewöhnt. Einfach versuchen, alles wie eine wichtige Vorstellung zu sehen, sich also nicht verrückt zu machen. Man denkt einfach nur daran, dass alles möglichst gut funktioniert. Auch wenn wir bis zum Schluss Dinge geändert und bei der Premiere zum ersten Mal ausprobiert haben. Es hatte etwas wahnsinnig Emotionales. Als ich dann als tote Irene auf der Bühne lag, dachte ich mir: Seit einem Jahr denkst du ständig daran – und jetzt ist diese Produktion raus!
Macht es die Sache leichter, wenn man eine Partie singt, die keiner kennt?
Ein Kollege hat ganz locker zu mir gesagt: „Du brauchst nicht nervös sein, das kennt eh keiner.“ Na ja, ich weiß nicht. Erst einmal gibt es viele, die den „Rienzi“ doch kennen. Und ganz allgemein denke ich so nicht. Ich habe den Anspruch, es so gut wie möglich zu bringen – und dabei notengetreu.
Was würden Sie Wagner im Nachhinein raten im Falle „Rienzi“, vor allem im Falle Ihrer Partie?
Mit meinem Gesangscoach und meiner Lehrerin habe ich besprochen: Als Irene muss man am Anfang sofort in die sehr hohe Lage kommen und dann mit schlanker Stimme dort oben bleiben. Es braucht einen speziellen Stimmtyp und eine besondere Technik, mit einem Brünnhilden-Organ würde das nicht funktionieren. Die Irene hat gar nicht so viel zu singen. Aber die Herausforderung ist, dass man in dieser Höhe immer flexibel bleibt und über die großen Ensembles rüberkommt. Wenn man das zu breit anlegt, verschreit man sich.
Fühlt man sich als Teil der „Rienzi“-Crew wie die Sonderlinge am Hügel?
Es war einfach so, dass wir sehr lang geprobt haben und vor den anderen dort aktiv waren. Und wenn ich an den KI-„Ring“ denke, dann sind das doch auch Sonderlinge. Die einzig Normalen sind wohl die von „Parsifal“ und vom „Fliegenden Holländer“. (Lacht.)
Sie haben dafür plädiert, den „Rienzi“ weiterzuspielen. Warum?
Als Teil des Teams weiß man natürlich nicht, wie alles draußen ankommt. Ich habe mich einfach voll aufs Stück eingelassen. Vieles geht total unter die Haut. Durch die intensive Dauerbeschäftigung brauche ich nach dem Festspielsommer erst mal eine Pause von „Rienzi“. Aber warum sollte man ihn in Bayreuth nicht ab und zu wiederaufnehmen? Wir haben beim „Rienzi“ mit seinen Fernchören und dem Bühnenorchester viel tüfteln müssen. Jetzt haben wir Lösungen gefunden – auch deshalb kann man ihn weiterspielen.
Sie haben eine fast fünfjährige Karrierepause eingelegt. Wie groß war die Angst, dass es nicht weitergeht?
Riesig. Nicht nur während dieser Zeit, sondern auch danach. Ich hatte richtig aufgehört und eigentlich dem Beruf den Rücken gekehrt. Es gab traumatische Erfahrungen bei der Geburt meines ersten Kindes, und ich wollte eigentlich erst mal nicht mehr auftreten. Da steht man als Ensemblemitglied der Bayerischen Staatsoper vor 2000 Menschen und will sich eigentlich verstecken. Doch der Rückzug war einfach richtig. Ich sage heute manchmal zu meinen Kindern: Damals hätte ich mir gewünscht, dass eine gute Fee mich beruhigt hätte mit Worten wie „Du musst dir keine Sorgen machen, alles kommt wieder“. Ich habe getrauert, weil die Musik schon meine große Liebe ist. Und dann, als ich mich zur Rückkehr entschlossen hatte, kam das Angebot für „Ariadne auf Naxos“ in Luzern. Und ich wusste: Das ist der richtige Weg, vor allem der in Richtung Sopran.
Hatten Sie auch Opernsystemfrust?
Ja, durchaus – mal mehr, mal weniger. Das höre ich auch von vielen Kolleginnen und Kollegen: „Wenn wir die Sache nicht so lieben würden, wären wir längst draußen.“ So sehr einen ein großer Dirigent zum Beispiel inspirieren kann in einer Vorstellung: Es stört mich einfach, dass es teilweise nicht um die Musik geht, sondern um Faktoren, die eigentlich sekundär sein sollten. Mir hilft oft, dass ich mit meinem Hund im Wald spazieren gehen kann. Oder dass ich während der Probenzeit hier Videocalls mit meinen Kindern hatte. Ich freue mich nach jeder Probe, nach jeder Vorstellung einfach auf das echte, normale Leben.
Wie ist das, wenn Ihr Mann, der Bariton Michael Volle, und die Kinder in der Vorstellung sitzen? Fühlt man sich noch ausgesetzter?
Nein, gar nicht. Ich war so stolz auf meine Kinder und darauf, dass sie gekommen sind. Das sind so großartige junge Menschen, da denke ich mir oft: Woher haben die das eigentlich? Wir waren als Eltern nicht besonders streng oder hatten uns etwas gezielt vorgenommen. Wir waren einfach da für sie. Es gibt Kinder, die werden mit drei Jahren in den „Parsifal“ geschleppt, so waren wir nicht. Wir haben sie überhaupt nie Richtung Musik gedrängt. Es kam ganz von allein, dass sie zum Beispiel gesagt haben: „Wenn ihr beide in Verdis ,Falstaff‘ singt, dann wollen wir da auch rein.“
Hat Ihnen die lange Pause auch geholfen, dass Sie sich nun sagen „Ich muss alles nehmen, wie es kommt“?
Ja, total. Auch dann, wenn man darüber grübelt, warum man eine Rolle nicht bekommen hat. Dann kommt eben etwas anderes und man denkt sich: Es ist schon richtig, wie es läuft. Wir Sänger nehmen uns doch so wahnsinnig wichtig. Aber morgen passiert doch schon das Nächste. Die Welt ist voll mit wichtigen Dingen, mit guten und schlimmen Ereignissen – und dann soll sich alles um uns drehen? Okay, ich gebe zu: Ich würde noch gern mit gewissen Musikern arbeiten und bestimmte Rollen singen.