Nico und Andy Warhol als Batman und Robin. © imago stock&people
Ganz schön high: die Byrds © Imago
Freak out! Jimi Hendrix (o.) und die Mothers of Invention. © IMAGO
Ladies first! Die Rolling Stones schmeißen sich 1966 für ein Single-Cover in Damenwäsche. © imago
Nico, Sängerin bei The Velvet Underground. © Imago
Studio-Magier: Brian Wilson erschafft „Pet Sounds“. © Michael Ochs/Getty
Alles so schön bunt hier: (v. li.) Ringo Starr, Paul McCartney, George Harrison und John Lennon im Jahr 1966. © Roger Viollet Collection/Getty Images
LSD ist die stärkste Droge der Welt. Um abzuheben, reichen laut Lexikon 0,000025 Gramm. Eine nüchterne Feststellung – aber ein wesentlicher Grund dafür, warum 1966 das Jahr wurde, in dem Pop geradezu rauschhafte Formen und Farben annahm. Das Jahr, in dem die Rolling Stones, Bob Dylan und die Beach Boys ihre Kreativität von der Leine ließen. Und allen voran die Beatles, deren Meilenstein „Revolver“ heute vor 60 Jahren erschien. Es war das Jahr, das mit „Eight Miles high“ von den Byrds begann und mit „Purple Haze“ von Jimi Hendrix endete. LSD war der Brandbeschleuniger für das kunterbunte Feuerwerk, an dessen Ende Pop mehr war als ein Zeitvertreib für Kinder.
Los ging alles in San Francisco
Der Urknall trägt sich in San Francisco zu – dank billiger Mieten ein Magnet für junge Leute. Mittendrin: der Autor Ken Kesey, der das Geld, das er 1960 mit seinem Roman „Einer flog übers Kuckucksnest“ verdient hat, in sein neues Hobby steckt: Experimente mit jener psychogenen Droge, die Halluzinationen, Erleuchtungszustände, aber auch Depressionen hervorrufen kann. Keseys Partys – er nennt sie „Acid Tests“ – warten mit einer Badewanne voller LSD-Bowle und dröhnender Musik auf. Schnell spricht sich rum, was hier abgeht – und erreicht auch das Entertainment-Mekka Los Angeles, wo Bands wie Love und die Doors in den Startlöchern stehen – und die Byrds schon abgehoben sind.
Bis zum Herbst 1966 ist LSD legal, was auch daran liegt, dass die US-Armee während des Vietnamkrieges austestet, wie die Substanz sich auf die Moral der Truppe auswirkt. 350.000 GIs kämpfen in Südostasien, in den USA besteht allgemeine Wehrpflicht und unter jungen Männern herrscht die Angst vor der Einberufung. Für sie ist klar: Es muss sich was ändern.
Und somit wird deutlich: Nicht nur die Verbreitung einer Droge macht dieses Jahr besonders, sondern das gesamtgesellschaftliche Klima. Der Pop-Underground erfasst die Zeichen der Zeit, und zwar nicht nur unter dem Einfluss von LSD. Frank Zappa, ein Zyniker und Abstinenzler, kommentiert die Hippies genauso bissig wie die US-Spießer. An der Ostküste machen The Velvet Underground unter der Schirmherrschaft von Andy Warhol (und Heroin-Einfluss) nihilistischen Krach. Und der Siegeszug von Soulkünstlern wie Wilson Pickett und Otis Redding verschafft schwarzen Stimmen Gehör.
Auf offene Ohren stößt die neue Entgrenzung auch in England, wo bis dato noch Nachkriegstristesse herrscht. Populäre Bands wirken wie Lifestyle-Diplomaten, die den globalen Austausch beschleunigen. 1964 hat Bob Dylan die Beatles mit Marihuana bekannt gemacht. 1966 kommen die Byrds mit einem völlig neuen Sound um die Ecke: In „Eight Miles high“ summen und leiern die Gitarren für die damalige Zeit unerhört, beeinflusst von musikalischen Strömungen wie Free Jazz und klassischer Musik aus Indien. Stilistisch fallen alle Grenzen, und die Beatles, Stones, Pink Floyd und Yardbirds hören genau hin, wenn die Sitar zirpt. Wohl dank der Popularität der Beatles umarmt die Gesellschaft in England die Neutöner recht bald – „Swinging London“, das klingt nach Lebenslust und nicht nach Drogenfreaks. Gleichzeitig bestimmen die Musiker ihr Image zunehmend selbst – sie sehen sich als spirituelle Sinnsucher. Und LSD gehört für sie dazu.
1967, als die Hippie-Ära den Mainstream erreicht hat, zeigen sich Risse: Syd Barrett, der labile Sänger von Pink Floyd, wird nach wochenlangen LSD-Trips psychotisch, auch Skip Spence von der kalifornischen Band Moby Grape schnappt über. Beach-Boys-Chef Brian Wilson, der den Beatles gerade noch mit „Good Vibrations“, dem womöglich besten Popsong aller Zeiten, eine Nase gedreht hat, kollabiert und verbringt die kommenden Jahre überwiegend im Bett. Auch die Presse ist kritisch, durchleuchtet jedes Lied auf dem Beatles-Album „Sgt. „Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ auf LSD-Anspielungen. Oder wie sonst soll man einen Titel wie „Lucy in the Sky with Diamonds“ deuten? Lennon beteuert, das Lied handle von einer Kindergarten-Zeichnung seines Sohnes Julian. Sein Biograf Philip Norman kommentiert trocken: „Man kann das für eine plausible Erklärung halten, wenn man erstens annimmt, dass John nichts mit LSD am Hut hatte, dass er zweitens kein Gefühl für Wortspiele hatte und er sich drittens brennend für Julians Werke im Kindergarten interessierte.“JOHANNES LÖHR