Friedliche Begegnung mit dem Wolf. © Barbara Gindl/AFP
Zwischen Ritual und Rätsel bewegt sich der lange Abend in der Felsenreitschule. © Monika Rittershaus
Vergebliche Vogelpredigt: Der heilige Franziskus (Philippe Sly) kann in der Inszenierung von Romeo Castellucci nur noch das tote Federvieh betrauern. © Barbara Gindl/AFP
Der Turmfalke, die Mönchsgrasmücke, die Feldlerche, der Japanbuschsänger, alle fallen sie vom Himmel. Ein Vogelregen. Manche zappeln noch kurz, nachdem sie aufgeschlagen sind, doch dann sind auch sie tot. Eben noch haben sie die Felsenreitschule erfüllt mit ihrem Gesang, klanglich abgebildet durch das denkbar größte Opernorchester mit einem Finessenreichtum, wie er sonst wirklich nur in der Natur zu hören ist. Doch die hat hier kapituliert – obgleich Franziskus sie doch so intensiv besungen hat, eine halbe Stunde lang.
Castellucci hat „sein“ Stück gefunden
Ein Bild des Jammers. Zutiefst pessimistisch und womöglich ein Hinweis darauf, was uns alles fehlen könnte, wenn auch diese Gottesgeschöpfe nicht mehr überleben. Deshalb ist man noch lange nicht bei der Öko-Oper, das wäre zu eindeutig, zu logisch für Romeo Castellucci. Das Uneindeutige und Assoziative macht dieser Regisseur, Ausstatter und Lichtkünstler zum Prinzip seiner Inszenierungen. Wie oft hat das nicht funktioniert! Beim Münchner „Tannhäuser“-Reinfall oder beim Salzburger „Don Giovanni“. Jetzt hat der Italiener „sein“ Stück gefunden: „Saint François d’Assise“ von Olivier Messiaen, heftig bejubelt in der Salzburger Felsenreitschule, es ist der Höhepunkt des bisherigen Festspielsommers.
Wobei Oper: Messiaen verzichtete in seinem Opus summum, 1983 in Paris uraufgeführt, auf eine durchgeformte Handlung. Das Leben des Heiligen Franziskus wird nachgezeichnet in Schlaglichtern, in einer Folge von Tableaux. Die laden weniger ein zur Identifikation als zur Meditation. Der große Orchesterapparat täuscht: Messiaen schrieb eine zwar extrem komplexe, aber unerhört filigrane Musik.
Fast sechseinhalb Stunden dauert das in Salzburg inklusive zweier einstündiger Pausen. Wer Erklärungen sucht, ist bei Castellucci allerdings verloren. Trotzdem beginnt sein „Saint François d’Assise“ sehr diesseitig. Ein älteres Paar, es sind die Eltern von Franziskus, bringen ihren Sohn in diese eigenartige Welt. Ein Aussteiger? Einer, der genug hat von einem Leben, das nur funktionieren muss? Ein bühnenhoher Prospekt mit einer umgedrehten Megacity legt das später nahe. Doch dann beginnt dieses seltsame Klosterleben. Brote werden (live!) in Öfen gebacken, Amphoren getöpfert, natürlich wird gebetet. Einmal färben sich die weißen Gewänder der Mönche blutrot.
„Saint François d’Assise“ ist auch eine Meditation über die Begegnung mit dem Allerhöchsten, bei Castellucci wird das sehr augenfällig. Wie tritt uns Gott gegenüber? Als ein Engel, so wie er hier weniger ätherisch, vielmehr lyrisch-diesseitig erfüllt von Lauranne Oliva gesungen wird? Im vielstimmigen Chor der Vögel? Oder auf eine konfrontative, den irdischen Körper fordernde, fast brutale Art? Wo Messiaen in einer Szene die Stigmatisierung von Franziskus zeigt, inszeniert Castellucci einen harten Kampf. Der fast nackte Mönch, umgeben von schwarzen Wesen, die ihn bedrängen, zu Boden werfen. Eine letzte, entscheidende, qualvolle Prüfung.
Es ist kein Assoziations-Overkill, der hier – wie so oft bei Castellucci – zu erleben ist. Wir sehen eine große Ökonomie der bildnerischen Mittel, eine monumentale Einfachheit. Die Kitschgrenze ist wie stets bei Castellucci nah, übertreten wird sie (fast) nie. Die Szenen laden ein zum Nach- und Weiterdenken. Ritual und Choreografie, realistischer Alltag und surrealistische Meta-Ebene verschmelzen. Castellucci bebildert nicht, immer wieder berühren sich seine Einfälle mit dem Gestus des Stücks.
Philippe Sly muss große Fußstapfen füllen. Der vor einigen Monaten gestorbene José van Dam sang den Franziskus nicht nur in der Uraufführung, sondern auch in einer viel beachteten Salzburger Produktion. Eigentümlich zurückhaltend gestaltet Sly, mit wie entspannt ausschwingenden Phrasen, seine virilen Baritonklänge scheint er fast für sich behalten zu wollen. Und doch trifft er damit ins Zentrum der Rolle. Franziskus, dieser so balancierte Mann, mit sich im Reinen und vertrauend auf eine göttliche Fügung: Ein druckvolles Singen, eine Kraftentfaltung, die sich dem Publikum entgegenstreckt, wäre hier verkehrt.
Maxime Pascal am Pult der Wiener Philharmoniker baut ihm und den grandiosen übrigen Solisten eine goldene Brücke nach der anderen. Es ist verblüffend, wie sicher sich dieser Dirigent in der diffizilen Partitur bewegt. Wie er nicht nur koordiniert, sondern ermöglicht, ermuntert und antreibt. Pascal vermittelt dem Riesenensemble eine enorme Sicherheit – auch in diesem ungewöhnlichen Setting: Das Hauptorchester sitzt im Graben, rechts und links jeweils ein großer Schlagwerkapparat mit den Ondes Martenot, den Vorläufern des Synthesizers.
Einst wurde diese Produktion vom geschassten Ex-Intendanten Markus Hinterhäuser geplant. Der vertraute (zu) oft auf Castellucci, hier behielt er Recht – und zwar auf allen Positionen. Ein Abend, mit dem Salzburg anknüpft an seinen „Saint François d’Assise“ aus den Neunzigerjahren – und diese legendäre Produktion sogar übertrifft.MARKUS THIEL
Weitere Vorstellungen
am 9., 12., 15., 19. und 23. August; salzburgfestival.at.