Eine Frau zeigt ihr wahres Gesicht

von Redaktion

Die Kammeroper München mit „Szenen zweier Ehen“ im Silbersaal des Deutschen Theaters

Eine toxische Beziehung wird zum großen Opernspaß: Szene aus „Pimpione“ mit Florentine Schumacher und Jan-Henrik Witkowski. © Tobias Melle

Zwei Opern zum Preis von einer. Mit diesem Sonderangebot lockt die Münchner Kammeroper bei ihrer diesjährigen Sommerproduktion, für die man sich nun im Silbersaal des Deutschen Theaters eingemietet hat. „Szenen zweier Ehen“ lautet der Titel des kurzweiligen Doppelabends, der zwei Einakter aus höchst unterschiedlichen Epochen zusammenspannt.

Trotzdem wissen Opernfans natürlich, dass sich bei den populären Sujets im Laufe der Jahrhunderte nur wenig an den grundlegenden Konflikten geändert hat. Vor allem die Liebe ist und bleibt ein zentrales Thema des klassischen Musiktheaters, das hier zum Glück einmal nicht im tragischen Tod der Diva endet, sondern in zwei locker flockigen Komödien aufbereitet wird.

Das erste Techtelmechtel entführt uns mit Georg Philipp Telemanns „Pimpione oder Die ungleiche Heirat“ musikalisch ins Jahr 1724. Ins Haus eines wohlhabenden Geschäftsmanns, der sich von Arie zu Arie mehr vom quirligen Dienstmädchen Vespetta um den Finger wickeln lässt. Und so frisch und agil, wie Florentine Schumacher hier die Koloraturen sprudeln lässt, kann man es ihm kaum verdenken. Doch sobald der Ehevertrag geschlossen ist, zeigt die junge Dame ihr wahres Gesicht und lässt den Alten spüren, dass der Heiratsgrund wohl doch weniger die Liebe auf den ersten Blick, sondern eher der Blick aufs Bankkonto war.

Und so findet sich Bassbariton Jan-Henrik Witkowski, der zunächst als naiver Tanzbär über die Bühne poltert, plötzlich in einer toxischen Beziehung wieder, in der er an der Hundeleine vorgeführt wird, während Vespetta eine Rap-Einlage à la Hauptstadt-Sternchen Ikkimel hinlegt. Denn natürlich belässt Regisseur Felix Scharf das Intermezzo szenisch nicht in der Barockzeit, sondern holt den Geschlechterkampf ins Hier und Jetzt.

Anders als der musikalische Leiter Aris Alexander Blettenberg, der vom Cembalo aus ein historisch informiertes Streicherensemble leitet und auch für die zweite Romanze des Abends ein interessantes Arrangement erstellt hat. Bei Ermanno Wolf-Ferraris „Segreto di Susanna“ kommt neben Klavier und Harmonium nun lediglich ein Bläserquintett zum Einsatz.

Das Geheimnis der Titelheldin wirkt dagegen etwas aus der Zeit gefallen. Der Tabakduft in der Wohnung, den der eifersüchtige Ehemann einem potenziellen Liebhaber seiner Gattin zuschreibt, stammt nämlich von Susanna eigener Zigarette – was 1909 für Damen aber schon als unschicklich genug betrachtet wurde. Während heutzutage Nikotinsüchtige – egal welchen Geschlechts – in Raucherzonen verbannt werden und Streamingdienste bei ihren Filmen und Serien regelmäßig vor der Darstellung von Tabakkonsum mahnen.

Solche Trigger-Warnungen braucht es im Silbersaal zum Glück nicht, weil der amüsante Einakter auch als nostalgischer Blick auf die „gute alte Zeit“ bestens funktioniert. Und natürlich hilft es auch, dass Lucija Spevec die an konservativen Rollenbildern verzweifelnde Susanna mit einer ähnlichen Ironie ausstattet, wie sie auch Lars Conrad als übertrieben eifersüchtiger Gatte mitbringt. Dies sorgt ebenso für Schmunzeln wie diverse Slapstick-Einlagen, in die auch Yasmin Li als stumm tanzende Kammerzofe mit einbezogen wird.

Raritäten-Sammler sollten sich diesen Opernspaß nicht entgehen lassen. Und wer es dieses Wochenende nicht mehr in den Silbersaal schafft, kann immer noch aufs kommende Frühjahr hoffen. Eine Wiederaufnahme ist bereits in Planung.TOBIAS HELL

Weitere Vorstellung

an diesem Samstag, kammeroper-muenchen.com.

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