„Vorbehaltlosigkeit und Respekt kannst du nicht erzwingen. Das gelingt nur durchs Zusammensein. Zum Beispiel bei Konzerten“, sagt der Schweizer Marc Amacher. © Amacher
Ist München eine Bluesstadt? Stille am anderen Ende der Leitung. „Das ist eine schwierige Frage“, sagt Marc Amacher dann. Die Antwort gibt es am 27. September, wenn der 41-Jährige, der im Kanton Bern geboren wurde, im Backstage spielt. Zunächst erscheint aber heute das Album „Overdrive“ (siehe Kurzkritik links) des Sängers und Gitarristen, der 2016 bei der Castingshow „The Voice of Germany“ bis ins Finale kam.
Wenn man „Overdrive“ hört, drängt sich diese Frage auf: Was bedeutet Ihnen Geschwindigkeit?
In der heutigen Zeit ist die Geschwindigkeit extrem hoch – gerade, wenn du als Musiker arbeiten willst. Du musst etwa in den Sozialen Netzwerken extrem viel Präsenz zeigen. Du solltest an vielen Ecken gleichzeitig sein.
Ein Klischee besagt, die Schweizer seien eher langsam. Ihr neues Album hat ein hohes Tempo. Da fragt man sich, ob das Vorurteil falsch ist oder Ihr Pass?
Beim Blues sind wir sicher auf der schnellen Seite. Ich mache da auch keinen Unterschied – für mich gibt es etwa sehr gute Blues-Songs von Lemmy Kilmister und Motörhead oder von AC/DC. Eric Clapton hat gerade während seiner Cream-Zeit auch viele schnellere Sachen gemacht. John Lee Hooker hat Bezüge zu Grunge hergestellt, als Kurt Cobain groß war. Klar, verbindet man mit Blues landläufig eher langsame Musik von älteren Leuten. Ich sehe das nicht so eng. (Lacht.)
Ist das die Idee von „Overdrive“? Zu zeigen, dass es schneller geht?
Ich wollte nach dem Album „Load“ einen Schritt weitergehen und andere Facetten der Musik beleuchten. „Overdrive“ bezieht sich ja nicht zwingend aufs Tempo. Als Gitarrist hast du immer mal mit Overdrive-Pedalen zu tun. Du drückst drauf, es zerrt, und der Verstärker wird noch ein bisschen mehr angerotzt. Außerdem sind wir mit unserem Tourbus unterwegs. Die Mehrdeutigkeit hat mir gefallen: raus auf die Straße, das Pedal drücken, Gitarrenmusik laut rauszuballern. Aber auch nicht zu lang – wie sich das eben gehört für einen Schweizer.
Sie wurden vor zehn Jahren durch „The Voice“ bekannt. Was haben Sie aus der Sendung mitgenommen?
Viele Bekanntschaften! Außerdem war es ein Push für meine Musik – danach kannten mich viel mehr. Ich glaube auch, dass es einige Leute in meinem Umfeld gab, die sich bis „The Voice“ nicht vorstellen konnten, dass ich als Künstler performen kann. Das konnte ich glücklicherweise widerlegen.
Haben Sie noch Kontakt zu Ihren Coaches Michi Beck und Smudo von den Fantastischen Vier?
Wir trinken nicht täglich Tee, aber zwischendurch reden wir miteinander. Mit Michael Wansch habe ich auch Kontakt, mit ihm habe ich mich in der Show gebattelt. Und hier und da sehe ich einige der anderen Kandidaten bei Events. Viele machen immer noch Musik.
Sie sind in der Show mit Robbie Williams aufgetreten, der zu Ihnen gesagt hat: „Du bist ein Original. Ich möchte dich live sehen.“
Wahrscheinlich habe ich im ersten Moment gedacht: „Hey, dann komm halt mal vorbei!“ Aber der hat andere Sachen zu tun, als bei einem Gig von mir aufzutauchen. So etwas nimmt man dankend entgegen. Was anderes bleibt dir ja nicht übrig. (Lacht.)
Was bedeutet es Ihnen, auf der Bühne zu stehen?
(Schnell.) Da fühle ich mich zu Hause. Da passt alles. Da spiele ich, singe, interagiere mit Band und Publikum. Da ist eine große Ruhe in mir. Das ist die Hauptarbeit, die ich am liebsten mag.
Können Sie das genauer erklären?
Wenn dieser Moment im Publikum entsteht, wenn sich keiner am anderen stört, sondern alle zusammen tanzen, zusammen singen, zusammen lachen. Das ist etwas Wichtiges, auch für eine Gesellschaft: die Vorbehaltlosigkeit und der gesunde Respekt voreinander, die dabei entstehen können. Das kannst du nicht erzwingen. Das gelingt einfach nur durchs Zusammensein. Zum Beispiel bei Konzerten.
München-Konzert
Marc Amacher stellt sein neues Album am 27. September, 20 Uhr, im Backstage vor; Karten unter www.marcamacher.net.