URAUFFÜHRUNG

Dialog der Generationen

von Redaktion

Die Tanzwerkstatt Europa zeigt den Abend „Nami“ des Kollektivs Zinada in München

Intensive Mutter-Tochter-Beziehung: Jin Lee (re.) und Kyung Mee Lee in der Performance „Nami“. © Christina Gerg

Es ist ein nur leichtes Pusten. Doch hat man auf einer Bühne selten eine Geste gesehen, die von mehr Härte, von größerer Brutalität kündet als dieses Hauchen in Richtung des Solarplexus des Gegenübers. Im Münchner Schwere Reiter schürzt Jin Lee die Lippen – und der Körper ihrer Mama Kyung Mee Lee scheint weggeblasen zu werden. Später wird die Aggression, die eben kaum wahrnehmbar ist, von der Mutter ausgehen. „Nami“, choreografiert von Jin Lees Kollektiv Zinada und am Donnerstag uraufgeführt, ist ein Höhepunkt der Tanzwerkstatt Europa.

Es ist ein individueller Abend, eine durch und durch persönliche Geschichte, die sich auf der weißen Spielfläche entwickelt, um die herum das Publikum sitzt. Und doch glückt es der Tänzerin und ihrer Mutter, Allgemeines zu erzählen. „Nami“ ist auch eine bewegte und bewegende Meditation über das Verhältnis von Eltern zu ihrem Kind, über das Weitergeben von Traumata und die Befreiung davon. Als Jin Lees Großmutter zehn war, endete der Koreakrieg. Sie schwieg zeitlebens über die körperlichen und seelischen Qualen, die sie erleben musste. Sie manifestierten sich jedoch in Misshandlungen der eigenen Tochter, Jin Lees Mutter. Das wiederum beeinflusste Kyung Mee Lees Beziehung zu Jin Lee. Schmerz erzeugte Schmerz und wurde von einer Generation zur nächsten weitergegeben.

Furchtbar und traurig? Ja! Doch ist dem niemand hilflos ausgeliefert. In einem mehrjährigen Prozess haben die beiden Frauen den Kreislauf in ihrer Familie durchbrochen. Davon erzählen sie in dieser eindrucksvollen Arbeit, die klug und behutsam ist. Der enorme Jubel nach der Premiere ist nicht nur berechtigt, sondern ein dringend nötiges Ventil; als das Licht im Saal angeht, wird hier und da eine Träne weggewischt.

Dabei deutet zunächst nichts darauf hin. „Nami“ ist ein zweiteiliger Abend, und der Auftakt findet im Studio vor dem Bühnenraum statt: eine auf Englisch angeleitete Atemmeditation, die den Gästen bewusst machen soll, dass jede Zelle eines Körpers lebt, wächst, Erinnerungen speichert. Das Unterfangen ist gut gemeint, verfehlt jedoch den Zweck, weil ad hoc natürlich nie die Konzentration herzustellen ist, die eine ernsthafte Meditation benötigt. Vor allem bleibt dieses Präludium in seiner Unbedarftheit weit hinter der emotionalen und künstlerischen Wucht der Performance zurück.

Drinnen erwarten Jin und Kyung Mee Lee das Publikum. Die weiße Spielfläche ist mit geometrischen Formen aus bunten Streifen beklebt; Papierbasteleien auf dem Boden erinnern ans kindliche Spiel. Das Duo entwickelt das Drama seiner Beziehung aus einfachen Bewegungen. Die Körpersprache ist stets klar, ohne je plump zu sein. Da werden Blicke zu- und rasch abgewendet, es wird einander nachgelaufen – oder voreinander geflohen. Zur flirrenden Musik entstehen Szenen, die kaum auszuhalten sind: Da wiegt Kyung Mee Lee etwa ein imaginäres Baby in den Armen, derweil ihre Tochter nur wenige Schritte entfernt in der Haltung eines Säuglings liegt. Beide drehen einander den Rücken zu. Dann breitet Jin Lee die Arme aus, es wird aber nicht zur Umarmung mit ihrer Mutter kommen – oder wollte sie dieser nur den Laufweg sperren? Das Bild wird später mit vertauschten Rollen wiederkehren.

Am Ende, nach einem beeindruckenden Solo, in dem sich Jin Lee aus dem Liegen in den aufrechten Stand kämpft, werden Mutter und Tochter einander die Hände reichen. Und sich zum ersten Mal in die Augen blicken. Bevor „Nami“ zu den Szenen des Beginns zurückkehrt – und den Weg für die nächste Generation frei macht. Ein Neustart. Oder?MICHAEL SCHLEICHER

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