SALZBURGER FESTSPIELE

Pures Mozart-Glück

von Redaktion

Umjubelte Neueinstudierung von „Così fan tutte“

Ein ideales Ensemble (v.li.): Johannes Martin Kränzle, Andrè Schuen, Elsa Dreisig, Victoria Karkacheva und Bogdan Volkov in der Inszenierung von Christof Loy. © Monika Rittershaus

Es bröckelt. Längst bevor der erste Körperkontakt, geschweige denn der erste Kuss passierte. Wie ein Felsen, „come scoglio“, will sie sein. Doch schon jetzt sehen wir: Totale Selbstsuggestion ist das von Fiordiligi, eine ganze, hanebüchen schwere Arie lang – längst ist sie dem neuen Mann erlegen. Aber kann man ihr deshalb böse sein? Ist Doppelliebe möglich, mit dem eigentlichen Kerl und mit einem anderen, der plötzlich auftaucht? Ein Glück wider alle Vernunft? Auch das lässt dieser Abend offen, fast zumindest: Die Aufführung – und mit ihr Mozart höchstselbst – riskiert ein irritierendes Ja.

Dieser Abend greift einem ans Herz

Vor sechs Jahren kam diese „Così fan tutte“ in Salzburg heraus. Die erste Inszenierung des Corona-Jahres. Viele Sitze im Großen Festspielhaus mussten frei bleiben, das Stück wurde um 45 Minuten auf pausenlose zwei Stunden gekürzt. Der Abend griff einem ans Herz, nicht wenige hatten Tränen in den Augen. Weil plötzlich, in schlimmen Zeiten, wieder die Seelenkunst des größten musikalischen Menschenverstehers zu erleben war. Und auch, weil Regisseur Christof Loy vorführte: Fast nichts braucht es für eine grandiose Aufführung. Nur eine weiße Wand, zwei Türen, eine Treppe davor, die sich in den Orchestergraben ergießt. Dazu eine subtile Lichtregie von Olaf Winter. Und auf der Bühne von Johannes Leiacker sechs singende Menschen, denen das Publikum atemlos lauschte und zusah, bewegt, betroffen und auch getroffen von diesem verzweifelten Ringen um die Liebe.

Auch jetzt, bei der Neueinstudierung, ist diese Magie wieder da. „Così fan tutte“ gibt es nun (fast) in der Originalfassung. Ein paar Kürzungen (warum eigentlich?) sind geblieben. Dafür hören wir Ferrandos zweite, so wichtige Arie. Und, sehr überraschend, jene Arie seines Kumpels Guglielmo („Rivolgete a lui lo sguardo“), die Mozart vor der Uraufführung strich und durch eine kürzere ersetzte. Joana Mallwitz steht wieder am Pult der Wiener Philharmoniker. Die werden tempotechnisch nicht geschont, die Ouvertüre muss erst einrasten. Alles läuft auf hoher Umdrehungszahl. Trotzdem werden wie selbstverständlich Details und Stimmverläufe hervorgehoben. Der Klang ist al dente, duftig im Lyrischen, rhythmisch profiliert, wo es sein muss. Es ist ein Funkeln, ein Spielwitz, ein Musizieren, ohne dass etwas akademisch ausgestellt wird. Und die Philharmoniker, selbst ernannte Gralshüter der Mozartpflege, gehen mit.

Neu in diesem einmaligen Ensemble ist Victoria Karkacheva, eine Dorabella mit saftiger Mezzo-Substanz, sie fügt sich nahtlos ein. Johannes Martin Kränzle hat nach schwerster Erkrankung zu alter Form zurückgefunden, es ist eine Freude und erleichternd. Sein Don Alfonso ist nicht nur Spielmacher, sondern auch zunehmend schockiert von dem, was er angerichtet hat. Ein begnadeter Darsteller, der so wirkt, als sei er aus dem Burgtheater oder einem anderen Edel-Schauspielhaus importiert worden, weil er „nebenbei“ auch noch gut singen kann. Bogdan Volkov gestaltet seinen Ferrando nicht mit Schmalspurtenor und kann daher viele Facetten hörbar machen, seine Atemtechnik verblüfft. Lea Desandre ist eine ideale Despina, weil sie als Naturkomikerin nie draufdrückt. Bei Elsa Dreisig (Fiordiligi) haben sich mittlerweile einige Töne versteift, Andrè Schuen (Guglielmo) ist als Darsteller facettenreicher als im Gesang, ein paar Farben dürfte er seinem virilen Bariton schon gestatten.

Alles nur kleine Einschränkungen, die in der Gesamtwirkung verblassen. Diese „Così fan tutte“ überwältigt durch ihren Purismus, durch ihre Wahrhaftigkeit. Alle auf der Bühne wissen in jedem Takt um die Bedeutung von Text und Musik, ein mitdenkendes Gestalten, das zugleich wie aus dem Augenblick empfunden scheint. Erfühlen und Wissen sind wichtiger als ein Konzept. Es ist die höchste Schule der Regie: Christof Loy hat diese Sängerinnen und Sänger so sehr ermuntert, motiviert und gelenkt, dass der Regisseur vollkommen hinter seinen Figuren verschwindet.

Die verdruckste Szene, wenn die „falschen“ Paare ihr erstes Date haben, missrät nicht wie sonst zur Komödiennummer. Überhaupt beschränken sich die Verkleidungen der Männer „nur“ aufs Bad-Taste-Outfit der Siebzigerjahre, Ferrando und Guglielmo sind den Frauen gegenüber zur Kenntlichkeit entstellt. Nie inszeniert Loy den Paartausch als Herrenwitz, sondern als Antwortversuch auf die zentrale Frage der Kammerzofe Despina: „Was ist die Liebe?“ Es ist eine Möglichkeit, von sechs Menschen herbeigesehnt, die damit in die Katastrophe gleiten – um am Ende gerade noch zurück auf Los zu finden. Und es ist, neben dem „Zaide“-Projekt von 2025, das Beste, was Salzburg in den vergangenen zehn, fünfzehn Jahren zum Thema Mozart zu bieten hatte. Es gibt keinen Grund, diese Produktion nicht erneut zu zeigen.MARKUS THIEL

Weitere Vorstellungen

am 11., 13., 17., 22. und 29. August; salzburgfestival.at.

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