Starke Bilder mit schonungsloser Körpersprache gelingen in dieser Produktion, hier Alice Amorotti als Carmen und Gabriele Tamolli als Don José. © OTMAR MOSBACHER
Eigentlich war es nur eine Frage der Zeit, bis sich Choreograf Enrique Gasa Valga „Carmen“ widmen würde. Schließlich gibt es kaum einen spanischeren Stoff als diese packende Liebesgeschichte – selbst wenn das Publikum sie vor allem als französische Oper kennt. Und natürlich bilden die populären Ohrwürmer von Georges Bizet auch im Deutschen Theater das musikalische Gerüst. Doch was die Limonada Dance Company daraus macht, entpuppt sich schnell als cleverer Remix der vertrauten Geschichte, die hier aus einer neuen Perspektive beleuchtet wird.
Die Geschichte Josés als Rückblende
Wie in der literarischen Vorlage von Prosper Mérimée begegnen wir José zu Beginn in seiner Gefängniszelle und erleben die tragische Story als Rückblende, weshalb Bizets Melodien nicht in chronologischer Reihenfolge zu hören sind. Dies teils in interessanten Arrangements: mal sinfonisch üppig, mal rhythmisch hämmernd für Marimba arrangiert. Ebenso wenig fehlen die berühmten Geigen-Variationen von Pablo de Sarasate. Allerdings immer wieder durchbrochen von authentisch iberischen Klängen. Denn es ist kaum verwunderlich, dass ein katalanischer Choreograf dem romantisch überhöhten Spanien der Opernfassung nicht über den Weg traut und lieber auf geerdeten Realismus setzt.
Schonungslos ist vor allem Darstellung des männlichen Protagonisten, dessen Verrohung sich in seinem Äußeren spiegelt. Anfangs noch mit glatt gebügelter Uniform und zurückgebundener Frisur, lösen sich bei Gabriele Tamolli später nicht nur die Haare. Auch seine Körpersprache wandelt sich von der elegant strengen Pose zur schweißtreibenden, athletischen Wildheit. Bis er am Ende geradezu animalisch auf allen Vieren zum letzten Pas de deux kriecht.
So ist es nur konsequent, dass auch die Titelheldin nicht als bloße Männerfantasie inszeniert wird, sondern ihr Leben aktiv gestaltet. Im vollen Bewusstsein aller Konsequenzen. Für diese Interpretation ist Alice Amorotti ein Glücksfall. Eine charismatische Tänzerin von großer Sprungkraft, die mit überbordender Lebensfreude über die Bühne wirbelt und in den Pas de deux nie die Führung abgibt. Selbst dann nicht, wenn der Choreograf sie mit einem Seil an José fesselt.
Carmen ist bei Gasa Valga aber keineswegs die einzige starke Frauenfigur. Deutlich aufgewertet wird Josés Jugendfreundin Micaela. In der Oper meist die naive Unschuld vom Lande, wird sie durch die ausdrucksstarke Darstellung von Camilla Danesi zur ebenbürtigen Rivalin. Der Toreador Escamillo verwandelt sich zur selbstbewussten Matadorin. Verkörpert von Sandra Chamochumbi Castro, die mit Gabriel Marseglia einen vor Leidenschaft nur so bebenden Stierkampf aufs Parkett legt.
Sie alle mischen das vertraute Geschehen ebenso auf wie ein geheimnisvolles Orakel. Halb Wahrsagerin, halb Todesgöttin. Eine Figur, die Gasa Valga vom Namen der Titelfigur ableitet. Der lässt sich aus dem Lateinischen als „Lied“ übersetzen, kann aber ebenso auch „Weissagung“ bedeuten. Wobei Sayumi Nishii als Botin aus dem Jenseits den gesamten Abend über eine dunkle Präsenz bleibt, die sich an neuralgischen Punkten ins Geschehen mischt.
Der Choreograf setzt sie ebenso glänzend in Szene wie die restlichen Mitglieder seiner spielfreudigen Truppe. Auch in den pulsierenden Ensembles gelingen Gasa Valga starke Bilder. Wenn etwa die Tänzerinnen in einen flachen Brunnen steigen und zu den wilden Klängen von Bizets „Arlesienne“-Suite die Haare fliegen und das Wasser spritzt. Oder wenn sich die Körper von Carmen und José unter rieselndem Sand ein letztes Mal verschlingen, ehe die Geschichte ihr fatales Ende findet. Nicht nur Tanzfans kann man den Abend ans Herz legen.TOBIAS HELL
Vorstellungen
bis 16. August;
deutsches-theater.de.