Olympisches Kostümfest: Die Inszenierung von Fabio Ceresa für das Landestheater gibt eine Ahnung vom Originalspektakel aus dem Jahre 1668. © Birgit Gufler
22.15 Uhr haben wir es, es ist warm und stickig, die Luft im Landestheater nähert sich der Schneidgrenze. Da, nach dem letzten Akkord von knapp vier Stunden Musik, eine Projektion auf dem Vorhang. „Pause: Fortsetzung folgt morgen.“ Erst Halbzeit also: Diese Oper passt in keine Aufführung, sondern nur in zwei. Bayreuth kann mit „Rienzi“ einpacken, Salzburg mit „Saint François d’Assise“ ebenso. Im Festivalvergleich schießt Innsbruck diesen Sommer den Vogel ab: „Il pomo d’oro“ dauert siebeneinviertel Stunden inklusive zweier Pausen. Acht hatte man versprochen, es reicht auch so.
„Nur“ 20 Sänger übernehmen 47 Rollen
Zum 50. Geburtstag beschenken die Festwochen der Alten Musik sich und die Barock-Nerds mit der Wiederbelebung des monumentalen Stücks, das in weiten Teilen von Pietro Antonio Cesti (1623-1669) stammt, seinerzeit Hofkapellmeister in der Alpenstadt. „Il pomo d’oro“ war nie fürs normale Volk, geschweige denn fürs Repertoire gedacht. Eigentlich sollte damit 1667 die Hochzeit von Kaiser Leopold I. mit der Infantin Margarita Teresa von Spanien gefeiert werden. Doch das verzögerte sich aus verschiedenen Gründen, schließlich wurde das Werk im Juli 1668 zu Margaritas Geburtstag gespielt.
47 Rollen, Tänzer und Statisten nicht mitgezählt, 23 Bühnenbilder, Effekte für 39 Bühnenmaschinen, alles in einem eigens errichteten Freilufttheater: Mehr Spektakel ging fast nicht. Eigentlich dreht sich der „Goldapfel“, so die Übersetzung, um eine Geschichte aus dem Grundkurs Antike: Giunone (Juno), Pallade (Pallas Athene) und Venere (Venus) streiten sich darum, wer die Schönste ist, dieser gebührt das metallene Obst. Der trojanische Prinz Paride (Paris) soll entscheiden. Der raubt die Schöne Helena, löst den Trojanischen Krieg aus, bis am Ende die Personifizierung Europas den Apfel bekommt.
Um auf über sieben Stunden zu kommen, gibt es Theaterseitenstraßen, -sackgassen und Irrwege. Eigentlich ist „Il pomo d’oro“ aus mehreren Opern zusammengelötet, eine gigantische Publikums- und Sängerbeschäftigung. Von Letzteren gibt es in Innsbruck „nur“ 20 in mehreren Rollen. Damit das Festival zum goldenen Geburtstag nicht gleich pleitegeht, spielte man weder im Hofgarten noch auf dem Flugfeld von Kranebitten, sondern im Landestheater.
Dort gibt Regisseur Fabio Ceresa mit Nikolaus Webern (Bühne) eine Ahnung vom historischen Event: mit Luftgondeln, immer wieder wechselnden Prospekten zwischen Hölle, Meeresüberfahrt und himmlischer Party, mit einem kleinen Tanz-Ensemble und farbprächtigen Kostümen (Giuseppe Palella), Innsbrucks Schneiderei dürfte die Überstunden kaum abbummeln können. Dabei überblendet sich der barocke Zauber mit der Jetztzeit: Paride ist ein Business-Gockel, Modell Möchtegern-Bond, der im schicken Loft wohnt. Vor den Kriegsgeschäften gönnt er sich eine schnelle Nummer mit Nymphe Ennone, was die ebenfalls in ihn verknallte Putzfrau Filaura – wie immer in der Barockoper eine groteske Männerpartie – nur bedingt gutheißt.
„Il pomo d’oro“ in der Innsbrucker Fassung ist nicht das Original. Von fünf Akten sind nur drei vollständig erhalten. Der Dirigent Ottavio Dantone, musikalischer Chef der Festwochen, hat den Rest aus Fragmenten und anderen Werken Cestis rekonstruiert. Man überlässt sich schnell und willig Cestis Klangfarbenpracht mit üppigster Streicher- und Bläserbesetzung, von der Accademia Bizantina hingebungsvoll und mit Groove musiziert. Das Grundtempo ist eher hoch, vieles ist tänzerisch und klingt nach Madrigal. Man spürt, dass diese Musik nicht für die filigrane Innenschau, sondern auf Wirkung komponiert wurde.
Es ist ein Hörfest mit Übersättigungspotenzial: Konnten sich seinerzeit die feiernden Blaublüter immer mal wieder zuschalten zur Aufführung, um ansonsten zu speisen oder anderen Wonnen nachzugehen, ist man hier der Partitur ausgeliefert. Ein munteres Grundrauschen, unterbrochen von gelegentlichen Karfunkelsteinen – zumal auch Ottavio Dantone nur bedingt als Temperamentsbolzen durchgeht. Für seine editorische Arbeit verdient er allerdings höchsten Respekt.
Unmöglich, das Gesangspersonal zu würdigen, nur so viel: Sophie Rennert ist eine Giunone mit entsprechendem Diven-Aplomb, Mauro Borgioni ein Paride mit kerniger Don-Giovanni-Stimme, Alberto Allegrezzo (Filaura) eine tenordrastische Raumpflegerin, Shira Patchornik eine Pallade mit Koloratursopran on the Rocks, Jone Martinez eine Venere, deren lyrischer Sopran die Krallen ausfahren kann. Und zwischendurch darf Mathilde Ortscheidt (Ennone) zur Beruhigung des verrückten Theaters mit androgynem Alt nach Paride barmen.
Fantasievolles, aber auch Flachwitz
Wobei verrückt: „Il pomo d’oro“ hätte man sich grotesker, schräger, drastischer vorstellen können. Vielleicht auch politischer: Der Pazifismus des Stücks springt einen förmlich an. Regisseur Fabio Ceresa stand naturgemäß kein kaiserliches Budget zu und keine überlange Probenzeit. Er macht Akzeptables, aber nicht das Beste draus. Fantasievolles ist zu sehen, Amüsantes, aber auch Flach- und Sparwitz, dazu rosarot Überzuckertes mit abgeknickten Handgelenken und eine verzichtbare Trump-Karikatur. Der zweite Abend ist kurzweiliger, es gibt mehr Ensembles und Chorszenen. Insgesamt dreimal stemmt Innsbruck den Doppelabend, seit 1668 ist „Il pomo d’oro“ erstmals zu sehen. Die Prognose ist: Das war’s dann auch.MARKUS THIEL
Weitere Aufführungen
11./12. August und 15./16. August; altemusik.at.