Bachs Marathon-Mann

von Redaktion

Dirigent Hans-Christoph Rademann über seine zyklische Einspielung der Kantaten

Hans-Christoph Rademann leitet die Gaechinger Cantorey, die CD-Edition erscheint bei Hänssler. © Marco Borggreve

Hans-Christoph Rademann dreht gerade das ganz große Ding. Mit seiner Gaechinger Cantorey widmet er sich der Einspielung von Bachs Kantaten, gerade wurde der erste Leipziger Jahrgang mit einer weiteren CD-Box abgeschlossen. Ob am Ende alle knapp 200 aufgenommen werden? Das lässt Rademann offen, er scheint aber auf dem besten Weg dorthin. Ein Giga-Projekt.

Sie machen gerade mit dem dritten Leipziger Kantaten-Jahrgang weiter. Welche Erkenntnisse erwarten Sie sich von solchen zyklischen Projekten?

Es ist für alle Beteiligten wie eine Lehrstunde, wenn man dem Komponisten chronologisch folgt. Eine einmalige Chance. Es war für uns alle sehr überraschend festzustellen, welche Experimente Bach riskiert hat. Er selbst war eben auch ein Lernender. Es gab zum Beispiel zwei Wochen lang riesige Eingangschöre für die Kantaten. Große Vielstimmigkeit, wahre Kunstwerke der Konstruktion. Dann gab es wieder zwei Wochen, da hat er mit Laufen und Anhalten experimentiert. Er hat also Denkpausen komponiert. Dies alles mitzuerleben und selbst aufzuführen, hat uns wahnsinnig inspiriert.

Die Leipziger bekamen jeden Sonntag eine neue komplexe Kantate geschenkt. Wie war die Bildung der damaligen Kirchgänger?

Sie waren theologisch vorgebildet. Viel mehr als heutige Hörer. Und sie wussten Bescheid über das Liedgut und erkannten sofort Zitate in den Chorälen. Ich glaube, dass damals ein Mensch hundert Lieder auswendig konnte. Dann gibt es allerdings in den Kantaten auch mystische Stellen, die selbst die damaligen Musiker nicht in einer Probe knacken konnten. Diese Stellen könnten die Menschen damals so empfunden haben wie wir heute, wenn wir zeitgenössische Musik hören.

Es heißt immer, Bach habe nur Meisterwerke geschrieben. Aber gab es auch Kantaten, wo er sich auf eine Art Routine zurückfallen ließ?

Es gab Wellenbewegungen, aber auf einem sehr hohen Niveau. Prinzipiell sind alle Kantaten von extrem hoher Qualität. Selbst die Rezitative, vordergründig unscheinbare Stücke. Die stellen teilweise die Rezitative der Bach-Passionen in den Schatten. Auch vor diesem Hintergrund kann man nur jedem Musikliebhaber raten, sich intensiv mit den Kantaten zu beschäftigen. Die Annahme, man würde Bach gut kennen und verstehen, wenn man die Passionen, das Weihnachtsoratorium und die h-Moll-Messe kennt, ist ein Irrweg.

Inwieweit sind die Inhalte der Werke noch präsent? Selbst das Publikum der Matthäus-Passion weiß doch nicht Bescheid über jede Textzeile. Handelt es sich mehr um eine wohlige, nicht sonderlich reflektierte Religiosität?

Bei der Matthäus-Passion glaube ich schon, dass das Publikum inhaltlich orientiert ist. Aber ich habe zum Beispiel bei meiner letzten Aufführung am Karfreitag in Luzern gemerkt, dass es eine halbe Stunde dauerte, bis totale Ruhe im Saal herrschte. Die Nervosität der Menschen ist gewachsen. Ganz allgemein: Jeder Mensch sucht nach Tiefe, nach Halt auch im Spirituellen, gerade in unserer Zeit des Orientierungsmangels. Aus dem Hören dieser Werke kann ich sehr viel für mich herausziehen.

Sie bilden mit der Gaechinger Cantorey in Deutschland eine Ausnahme, was die historische Aufführungspraxis betrifft. Warum sind die Benelux-Länder oder Großbritannien viel weiter?

Was das betrifft, haben wir unser Publikum tatsächlich überzeugt. Es braucht wohl starke Institutionen, die Bedingungen herstellen können, damit man ein hohes Niveau erreichen kann. Und es geht um ein gemeinsames Grundverständnis, um ein ständiges miteinander Musizieren, sodass diese Aufführungspraxis selbstverständlich werden kann. Die großen Orchester in Deutschland holen sich dagegen einschlägige Dirigenten für Barockes, aber in der Spielpraxis verstetigt sich das nicht.

Bach beschwerte sich über seine Ensembles. Komponierte er tatsächlich für sie? Oder schrieb er Musik für die Ewigkeit?

Definitiv gab es Mängel. Allein wenn Sie sich eine nur von Kerzen erhellte Kirche vorstellen und die Situation, dass die Ensembles die Noten erst kurz vor den Uraufführungen bekommen haben. Da musste schon viel aus dem Augenblick heraus gestaltet werden. Wo wir uns heute eher mühevoll herantasten müssen, das ist der theologische Inhalt. Dabei darf zum Beispiel nicht allein die vertonte Textstelle betrachtet werden, auch das Umfeld dieses BibelZitats ist wichtig.

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