Dirigent, Musikwissenschaftler und Monarchist: Luis Schmidt wuchs in München auf. © Lena Juhe
Mit militärisch anmutender Uniform dirigiert Luis Schmidt die von ihm ins Leben gerufene Capella Edina, Edinburghs erstes professionelles Orchester seit 1937. © EUAN ROBERTSON
Die Sonne steht heiß über München. Am Vormittag war Luis Schmidt noch im Herkulessaal und hörte eine Probe des BR-Symphonieorchesters zu Elgars „Dream of Gerontius“. Elgar ist einer der großen Lieblinge des jungen Münchners. Jetzt sitzt der 22-Jährige vor einem Café im Lehel, vor sich die Partitur von Max Bruchs „Schottischer Fantasie“. Natürlich Schottland: Dort macht Schmidt seit zwei Jahren von sich reden – als Gründer der Capella Edina, Edinburghs erstem professionellen Symphonieorchester seit 1937. Als man sich zu ihm setzt, schaut er sofort auf: freundlich, mit britischer Höflichkeit.
Schmidt ist Dirigent. Und man muss sein Alter dazusagen, weil er nicht unbedingt wirkt wie Jahrgang 2004. Hochgewachsen, Sakko, Anzughose, Maßhemd, markante Tom-Ford-Brille. Das Haar hat sich oberhalb der Stirn früh gelichtet, an den Seiten sitzt alles sorgfältig. In seinem Deutsch liegt hin und wieder eine englische Melodik, darunter ein leichter fränkischer Einschlag.
Forschungen über Anton Bruckner
Das könnte manieriert wirken. Tut es aber nicht. Schmidt spricht lieber über Musik als über sich selbst. Irgendwann beginnt er einen Satz mit „Neulich im Club …“ Man horcht auf. Viele 22-Jährige erzählen Clubgeschichten von dröhnenden Bässen und manchem Flirt. Doch Schmidt meint einen Gentlemen’s Club. Freimaurer ist er auch. Seit seiner Jugend schreibt er dem britischen Königshaus. Der Tod von Königin Elizabeth II. war für ihn ein trauriger Tag, Charles kondolierte er persönlich. Dass mit dem Duke of Hamilton ausgerechnet der „Bearer of the Scottish Crown“ Schirmherr seines Orchesters wurde, passt fast zu gut in diese Biografie.
Aufgewachsen ist Schmidt in München. Am Klenze-Gymnasium lernte er Trompete, kurz vor dem Abitur stellte er mit Mitschülern ein Orchester zusammen und dirigierte in St. Joachim in Sendling. Im Zentrum stand Filmmusik und vor allem Elgars „Nimrod“. Schon früh verliebte sich der Musterschüler in diese Musik. Auch deshalb zog es ihn an die Newcastle University. Dort studierte er Musikwissenschaft so erfolgreich, dass ihn die Universität Zürich direkt aus dem Bachelor heraus zur Promotion zuließ. Heute forscht er über Anton Bruckners Wagner-Verehrung, besonders über die sechste Symphonie.
„Der Fokus liegt aber ganz klar auf dem Dirigieren“, sagt Schmidt fast verteidigend. Mit dieser Sechsten stellte er im Januar 2025 in Edinburgh die Capella Edina vor – eine mutige Wahl: Nicht nur gilt die Sechste in Bruckners Werk als spröde; in Großbritannien ist Bruckner seit jeher nicht unbedingt wohlgelitten. Wohl nicht nur deshalb war Schmidts Einstand kein Riesenerfolg. In die Usher Hall, einen Saal mit rund 2200 Plätzen, kamen nur etwa vierhundert Zuhörer. Auf der Bühne saßen 68 freiberufliche Musiker, für die Schmidt selbst eine Vereinbarung mit der Musicians’ Union ausgehandelt hatte.
Der junge Münchner stand in schwarzer, militärisch anmutender Uniform mit Messingknöpfen und grünen Kordeln am Pult. Ihn reizt daran keineswegs das Militärische sondern die britische Schneidertradition: Gold, Glanz, strenge Schultern. Er hat schon als Jugendlicher „Trooping the Colour“ im Fernsehen imponiert. Schmidt ist dabei keineswegs ein Militärfanatiker, sehr wohl aber ein Ordnungsfreak mit Stil-Empfinden. Für manche schottische Beobachter wurde dies dennoch zum Reizbild. Die „Sunday Times“ schrieb über den jungen Deutschen. Die Musik wurde gelobt, doch die Fragen galten fast ausschließlich Uniform, Geldgebern und dem Alter des Dirigenten.
Schmidt nimmt solche Reaktionen gelassen. Er weiß, dass der Start holprig war und ein Orchester nicht von Begeisterung allein lebt. Als Chairman ist er nicht nur Chefdirigent, sondern auch Organisator; mehr als vier Stunden schlafe er selten pro Nacht, erzählt er. Musikalisch kommt Schmidt nicht aus der Schule der großen Pose. Sein wichtigster Mentor ist Bruno Weil, Dirigent, Haydn-Spezialist und Schüler des legendären Hans Swarowsky. Von Weil lernte Schmidt analytische Genauigkeit: Partitur vor Selbstdarstellung, Struktur vor Effekt. Britische Kritiker lobten seine klare Schlagtechnik, vermissten bisweilen aber gestische Expressivität. Das kann man als Mangel lesen. Oder als Dienen an der Musik.
Heute lebt Schmidt in Zürich, führt die Capella Edina weiter, plant ein Konzert zur Feier der schweizerisch-deutschen Freundschaft und verhandelt gerade sein Debüt bei einem großen Orchester in London. Vielleicht ist Luis Schmidt gerade deshalb so einnehmend, weil bei ihm vieles größer klingt, als er selbst auftritt. Orchestergründung, Königshaus, Uniform – und dann sitzt da ein junger Münchner im Lehel, freundlich, aufmerksam, Partitur und Pistazieneis. Einer, der viel vorhat. Und dem man es zutraut.WILLI PATZELT