Der Täterin, die auch Opfer ist, auf der Spur: Assia (Magdalena Cielecka, li.) und Europa (Andrzej Chyra).
Was geschah in diesem Raum während des Bürgerkriegsmassakers? Assia (Magdalena Cielecka) ermittelt – die junge Europa (Claude Bardouil) erinnert sich. © Magda Hueckel (2)
In diesem Moment beneidet man die Dichter der Antike. Man neidet Euripides, Sophokles und Aischylos die Möglichkeit, einen Deus ex Machina auftreten zu lassen. Die göttliche Instanz erschien aus dem Nichts auf der Bühne und sorgte für eine gerechte Lösung. Eine Lösung, für die den Menschen Kraft, Weitsicht und Talent fehlten. Doch heute ist kein Gott in Sicht, dessen gnädiges Eingreifen alle Konflikte löst. „Wie beendet man eine Tragödie?“, fragt Wajdi Mouawad. Sein Stück „Le Serment d’Europe“ ist die Basis von „Europa“, der Inszenierung des polnischen Regisseurs Krzysztof Warlikowski. Der 135 Minuten lange, in vielerlei Hinsicht intensive Abend kam im Januar an Warlikowskis Warschauer Nowy Teatr heraus. Jetzt war Gastspiel-Premiere bei den Salzburger Festspielen.
Autor lässt sich Blut abnehmen
„Europa“ spielt in der Gegenwart, bedient sich an den alten griechischen Tragödienmotiven und kreist um ein fiktives Massaker, das 1952 in der Region Hafeztan stattfand. Die ist ebenfalls ausgedacht und liegt zwischen Europa und Asien. Das spiegelt sich in den Namen der Hauptfiguren: Europa, heute über 80, hat damals als Achtjährige nicht nur erlebt, wie Verwandte und Nachbarn andere Frauen, Männer und Kinder misshandelten, vergewaltigten und ermordeten. Sie selbst ist schuldig geworden. Jetzt will Assia, UN-Ermittlerin und Nachfahrin der Opfer, von ihr die Wahrheit über das kollektive Verbrechen wissen. Europas Töchter sind nicht nur Zeuginnen des Verhörs, sondern konfrontieren sich selbst und die Mutter mit ihren eigenen Dämonen.
Auf einer weiteren Ebene untersucht der Text, inwieweit sich Traumata in Familien einschreiben und als individuelle Tragödien der Kinder und Kindeskinder hervorbrechen. „Es ist möglich, auf verschiedenen Wegen zu sich zu kommen“, sagt der Schriftsteller, der 1968 im Libanon geboren wurde, mit der Familie 1976 vor dem Bürgerkrieg nach Frankreich floh und in Quebec heimisch wurde. Münchner Theaterfans kennen seinen Namen aus einem anderen Zusammenhang. Vor vier Jahren wurde die Inszenierung seines Dramas „Vögel“ am Metropoltheater abgesetzt, nachdem etwa die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) die Produktion als antisemitisch kritisierte.
In Salzburg spricht der Autor vor jeder Vorstellung über sein Schaffen. Ausgehend von seinen Vorlesungen am Collège de France in Paris reflektiert er das Schreiben als Mittel zur Auseinandersetzung mit Historie und Gewalt. Am Ende des einstündigen Referats, in dem Literaturwissenschaft neben Formulierungskunst steht, lässt sich Mouawad Blut abnehmen, das er über Gesicht und Hemd verteilt. „Die Auftaktszene, deren Erzählung uns das Tor zum Blut öffnet“, nennt er den Eingriff in der linken Armbeuge, der auf eine Leinwand übertragen wird. Die Festspiele raten empfindlichen Menschen von einem Besuch des Prologs ab. Auch Warlikowski stellt Tragik und Wucht von „Europa“ in aller Deutlichkeit aus. Die Bühne von Małgorzata Szczęśniak ist ein altes Klassenzimmer, in dem einst das Massaker stattfand; Gitter an der Seite erinnern an ein Gefängnis. Ein Ausbruch aus dem ewigen Kreislauf aus Verbrechen und Schuld scheint unmöglich. Soundgewitter sorgen mit dafür, dass das Publikum kaum durchatmen kann.
Vor allem ist da jedoch das fantastische polnische Ensemble, das ein Wegschauen unmöglich macht. Andrzej Chyra spielt die alte Europa als ketterauchenden Kälteklotz. Nur selten lässt er hinter die Fassade dieser Frau blicken, die Täterin und Opfer ist. Die UN-Ermittlerin Assia wird bei Magdalena Cielecka zur sexy Blondine. Zunächst verrät die Schauspielerin nur über das heftige Kaugummikauen, dass auch ihre Figur traumatisiert ist. High Heels und Minirock trägt sie jedenfalls nicht nur aus persönlicher Vorliebe. Beinahe permanent begleitet wird Europa von ihrem achtjährigen Ich: Im Kleidchen, mit weißen Strumpfhosen, einer starren Kindermaske und leeren Augen verkörpert der Tänzer Claude Bardouil dieses zerbrechliche, unheimliche Wesen. Warlikowski mischt solch artifizielle Szenen, wie sie etwa in Horrorfilmen vorkommen, in den dokumentarischen Duktus des Abends, um dessen Dringlichkeit zu erhöhen.
Ein Ende des Schreckens ist nicht in Sicht. Oder? Assia berichtet von einem Dorf in Grönland, dessen Bewohner die Sonne bei ihrem letzten Untergang im Jahr feierlich verabschieden – mit dem Wissen, dass sechs dunkle Monate folgen. In der Zeit der Finsternis erzählen die Menschen einander vom Licht.MICHAEL SCHLEICHER
Nächste Vorstellungen
am 12. und 13. August;
Telefon 0043/ 662 8045 500.