Die beiden Revoluzzer

von Redaktion

Epochal: „Die schöne Müllerin“ mit Georg Nigl und Alexander Gergelyfi

Ein historisches Tafelklavier bringt eine neue Dimension in den Liedgesang – zu hören auf dieser CD mit Georg Nigl (li.) und Alexander Gergelyfi. © Nadine Poncioni Rusnov

Die „liebe Sonne“ ist gerade aufgegangen, noch immer rauscht der Bach, die Fensterscheiben glänzen – was fatal ist: Dahinter ist die Geliebte zu sehen, in ihrem Arm der Jäger. Das Messer geht dem Müllersburschen in der Stimme auf; nicht nur Eifersucht und Wut sind zu hören, das ist Mordlust. Die Maske fällt, alles traut man ihm zu, erst recht, wenn es aus dem Mund von Georg Nigl kommt. Doch der Bariton spricht „nur“. Wilhelm Müllers Gedicht „Erster Schmerz, letzter Scherz“ wurde von Franz Schubert nicht vertont.

Diese CD-Aufnahme fordert heraus

Es gehört aber zum Zyklus „Die schöne Müllerin“, wie ein paar andere Gedichte auch. Und es ist notwendig, weil erst dann die folgende (vertonte) Nummer „Die liebe Farbe“ zu verstehen ist. Nicht nur Bedrohung, Verzweiflung, Nihilismus sprechen aus diesem weiteren Mini-Drama. Es ist aus, unwiderruflich, im letzten Lied wird der suizidale Müllersbursch im Bach liegen. So wurde „Die schöne Müllerin“ noch nie interpretiert, so schwarz, so ausweglos. Jener Zyklus, der beim landläufigen Sänger Wanderslustigkeit und Biedermeier-Wohligkeit verbreitet. Georg Nigl und Alexander Gergelyfi gehen hier aufs Ganze und darüber hinaus.

Das liegt nicht allein am Tafelklavier, das um 1810 entstanden ist, das Schubert gespielt haben könnte und das Gergelyfi restaurieren ließ. Ein Instrument, das zu einer Neubefragung der „Schönen Müllerin“ zwingt, ihre Interpreten und das Publikum. Es liegt auch am Zugriff dieses Duos. Wie schon bei ihren kultigen „Nachtmusiken“ der Salzburger Festspiele setzen Nigl/Gergelyfi auf eine radikale Intimität. Eine Unmittelbarkeit, die nur im kleinen Saal und auf CD möglich ist. Die Lieder rücken uns nahe, verstörend nahe. Beiläufiges Hören ist nicht mehr möglich. Es dürfte Menschen geben, die dieses körperlich spürbare Singen und Spielen ablehnen. Doch es trifft in den Kern (nicht nur) von Schuberts Musik, in der es ja stets um Existenzielles geht.

Wie live in Salzburg überraschen die langsamen Tempi. Inklusive der gesprochenen Gedichte braucht diese „Schöne Müllerin“ zwei CDs. Schon das erste Lied, nach Nigls ironisch gesprochenem Prolog, ist ein Schock. Gergelyfi spielt das Tafelklavier wie ein Perkussionsinstrument. Dürr ist der Klang, skelettiert, als sei die Musik vertrocknet. Und dann, je nachdem ob der Lautenzug eingesetzt wird oder nicht, ob Gergelyfi die Tasten streichelt oder offensiv bearbeitet, gewinnen die Töne an Rundung und „Nachhall“. Wer sich nach kurzer Irritation einlässt auf diesen Klang, hört plötzlich Farben und Nuancen, gegen die ein klassischer Flügel haushoch verliert.

Gewissheiten gibt es in dieser „Schönen Müllerin“ nicht. Der Bach rauscht bei Gergelyfi nicht munter und gleichförmig durch die Lieder, es sind Stauungen, Umwege und (tote) Seitenwege zu hören. Das Zögern, die Unsicherheit des Müllersburschen spiegeln sich wider in der Begleitung. In „Der Neugierige“ sind plötzlich (und textgemäß) eine Unmenge an Fragezeichen zu hören. Und dies nicht nur hier. Schon zu einem frühen Zeitpunkt der Lieder-Folge ist klar: Diese Sache mit dem todunglücklich verliebten Müllersburschen geht nicht gut aus. Wobei es durchaus Momente des Humors gibt, der Hintergründigkeit, auch der kurzen Utopie wie im pastelligen „Tränenregen“.

Georg Nigl bewegt sich auf einer stufenlosen Skala vom Sprechen zum Singen. Ausgangspunkt ist immer die Rhythmisierung des gesprochenen Satzes. Im Gesang kommt es zu Freiheiten, zu Verzögerungen, Verzierungen, auch zu so nicht notierten Tonhöhen. Nigl singt wie ein Crooner, ein Vorläufer von Frank Sinatra. Beispielhaft ist das im „Morgengruß“, ein Lied, das nicht recht in Fluss zu kommen scheint, eine Verschmelzung von Rezitativ und arios geformtem Gesang. Nigls helle Stimme ist dafür ideal. Kein Ton ist kammersängerhaft aufgedickt oder vorgeführt.

Das ist teils ungeheuer riskant gesungen. Nigl macht sich vokal nackt. Dass ihm alles gelingt, zeugt nicht nur von einer souveränen Technik. Es dreht sich auch um Erfühlen, um Reflexionskraft, um eine Verankerung der Musik in Körper und Hirn, die nie billige Identifikation ist. Weit bewegen sich Nigl/Gergelyfi nicht nur weg von den Schönklang-Künstlern. Ebenso fremd ist ihnen die dozierende Deutung, wie sie vor allem Dietrich Fischer-Dieskau pflegte. Diese „Schöne Müllerin“ lässt einen nicht beglückt zurück, sie fordert heraus. Zur Positionierung, zum Widerspruch – wie jede große Kunst. Sie bricht mit der Tradition, allerdings mit der falsch verstandenen, indem sie sich dem ursprünglichen Sinn dieser Lieder annähert. Eine revolutionäre Aufnahme.MARKUS THIEL

Franz Schubert:

„Die schöne Müllerin“. Georg Nigl, Alexander Gergelyfi (Alpha).

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