Mehr Tempo, mehr Dramatik, mehr Emotion: Das Dance-on-Ensemble tanzt in der Muffathalle „A Day in the Studio“. © Delphine Perrin
Dieser Blick zurück ist nicht nostalgisch. Er ist neugierig, interessiert – und selbstbewusst. Denn dieser Blick zurück weiß zugleich um den eigenen Standpunkt, die eigene Entwicklung. „A Suite of Dances / A Day in the Studio“ heißt diese Deutschlandpremiere bei der Tanzwerkstatt Europa, die heute mit einer „Final Lecture“ und einer großen Party bei freiem Eintritt in der Muffathalle endet. Dort stellte in den vergangenen Tagen auch das Dance-on-Ensemble seinen Doppelabend vor. Entstanden ist dieser in der Reihe „Replies“, für die zeitgenössische Künstler von der Truppe eingeladen werden, wichtige Werke des modernen und postmodernen Tanzes neu zu betrachten.
Nun rückt das Werk der israelischen Choreografin, Textilkünstlerin und Tanzpädagogin Noa Eshkol (1924-2007) ins Zentrum. Diese entwickelte mit dem Architekten Avraham Wachman ein System zur Notation, Beschreibung und Analyse von Bewegungen. Wachman gehörte übrigens ebenso zu ihren Schülern wie Moshé Feldenkrais. „A Suite of Dances“ wurde von Mor Bashan von der Noa Eshkol Chamber Dance Group einstudiert und versammelt Stücke Eshkols vorwiegend aus den frühen Sechzigerjahren. Das Alter ist der Choreografie anzumerken. Zum unbarmherzigen Schlagen des Metronoms entwickeln sich die Bewegungen in großer Präzision und Strenge. Geometrisch beeindruckend und perfekt organisiert. Das Licht auf dem Bühnenboden markiert die Spielfläche – jede Tänzerin, jeder Tänzer zeichnet für sich sein Muster nach: gemeinsam und doch allein. Die Abläufe erlauben eine große Kontemplation und intensive Studie des menschlichen Körpers, des Zusammenspiels von Muskeln, Sehnen, Gelenken. Was fehlt, ist das Gefühl, die Geschichte, ja, auch ein wenig das Drama.
All das liefert nach der Pause Noé Soulier in seiner Antwort „A Day in the Studio“. Der 1987 in Paris geborene Choreograf nimmt Eshkols Bewegungsstudien und geometrische Anordnung auf, intensiviert und befreit sie. Bei ihm werden die Abläufe zu einem Wurf, einem Kampf, einem Wettlauf. Hier blicken die Tänzerinnen und Tänzer einander an, interagieren miteinander, berühren einander. Das sorgt für Spannung, das erzählt etwas. Souliers Arbeit zeigt, wie sich der Tanz entwickelt hat, und ist ein Mehr an allem: Tempo, Dramatik, Emotion.MICHAEL SCHLEICHER