Unbarmherzig wird die Wahrheit ausgeleuchtet in Jette Steckels „Menschenfeind“-Inszenierung. © Armin Smailovic
😉 Das Zwinkersmiley. Da wir hier aber nicht bei WhatsApp sind, sondern in einem Textverarbeitungsprogramm, ist es nur eine Annäherung. Auf die Bühne im Salzburger Landestheater werden am Samstag richtige Emojis projiziert, hauptsächlich die unfreundlichen, abwertenden. Oder jene Obst- und Gemüsesorten, die für die Geschlechtsorgane stehen. Kommunikation ohne Worte. Unverblümt, direkt.
Es ist ein spannender Ansatz, den Jette Steckel für ihre Inszenierung von „Der Menschenfeind“ (1666) gewählt hat, die bei den Salzburger Festspielen Premiere hatte und am 18. September im Thalia Theater Hamburg herauskommt. Alceste, Molières Hauptfigur, hasst die Lüge, die Schmeichelei, die gesellschaftliche Heuchelei, das Verschweigen um des lieben Friedens willen. Alceste ist das menschgewordene Kotz-Smiley: Was missfällt, wird benannt. Komme, was da wolle. Dass diese Haltung einsam macht, muss nicht betont werden.
Wie viel Wahrheit verträgt eine Gesellschaft? Oder noch allgemeiner: Wie steht’s um unsere Kommunikation, wie gehen wir miteinander um? Das sind die Fragen, die Steckel in ihrem rund 140 Minuten langen, pausenlosen, knallbunten und lauten Abend untersucht. Die Regisseurin hat ihn als Triptychon angelegt. Der Auftakt – bereits fünf Minuten vor offiziellem Beginn, die Premierengäste suchen noch ihre Plätze – ist ein Hip-Hop-Konzert. In diesem Genre sieht Steckel die Entsprechung zu den Alexandrinern Molières (1622-1673).
UWE, Sänger der gleichnamigen Band und Texter von Deichkind, hat die Lyrics geschrieben. Ole Lagerpusch, der später Oronte spielt, performt sie mit ordentlich Street-Credibility. Matthias Jakisic an Violine, Schlagwerk, Keyboard, Loopmaschine und herrlich vielen Reglern, Knöpfen und Pedalen sorgt für satten Sound. Die Festspiele hatten vorab Gehörschutz verteilt. „Ich hab’ noch Drogen, und zwar süße. Kunst ist in der Krise. Unterkeller deine Wiese.“ So geht das, und nach sieben Minuten steht ein Teil des Publikums und lässt die Arme im Beat pulsieren. Andere Zuschauer gehen bereits wieder, „Check in and check out“ nehmen sie wörtlich.
Doch wer aus dem Landestheater auscheckte, verpasste ein tolles Konzert. UWE bezieht sich in seinen Liedzeilen immer wieder auf Molière. Noch deutlicher wird das im zweiten Teil, einer visuell-musikalischen Spielerei, die sich um die Kommunikation der Gegenwart dreht. Die Textfelder von WhatsApp-Nachrichten flutschen als geometrische Formen über die Leinwand; Smileys poppen auf – Jakisic begleitet all das wie im Stummfilm vom linken Rand der Bühne aus. Diese hat Florian Lösche als schmalen Rahmen aus leuchtenden Rechtecken über den geschlossenen Orchestergraben gebaut. Das Publikum sitzt nicht nur im Parkett, sondern auch auf der Bühne, und kann somit die Spielfläche von beiden Seiten einsehen.
Der dritte Teil ist dann Molières Tragikomödie in der Übersetzung des vor zwei Jahren verstorbenen Vaters der Regisseurin. Jette Steckel, die in der vergangenen Spielzeit an den Münchner Kammerspielen „Meister und Margarita“ eingerichtet hat, interessiert sich weniger für eine psychologische Tiefenzeichnung der Figuren als vielmehr für die Art ihrer Kommunikation.
Unterstützt wird diese Idee durch die Kostüme: Pauline Hüners hat jedem Schauspieler, jeder Schauspielerin eine chromatische Farbe zugeordnet. Die Spielfelder leuchten passend dazu auf, je nachdem, wer gerade das Wort führt. Darin steckt mehr als die Binse „Bunt ist gut“. Steckel visualisiert Kommunikation und unterstreicht den Charakter des Battle-Rap in ihrer Inszenierung. Mit Verve und hoher Zungenfertigkeit geht das Ensemble mit. Ob André Szymanski, der sich in der Titelrolle immer mehr ein Gefängnis baut; ob die wunderbare Barbara Nüsse als vernünftiger Philinte, der sein Herz unter viel Besonnenheit vergraben hat; oder ob Maja Schöne, die ihrer Célimène eine herrliche Emanzipation gönnt: „Und was sind für Sie Frauen?“ Eine Inszenierung mit ordentlich Flow, starken Punchlines und jeder Menge Beef. Passt 😉MICHAEL SCHLEICHER
Weitere Vorstellungen
am 17., 20., 23., 25., 27. und 28. August; Telefon 0043/ 662 8045 500.
Die Hamburg-Premiere ist am 18. September im Thalia Theater.