Michael Köhlmeier blickt klug auf sein
„Man darf gespannt sein, was aus ihm wird. Ein Ringer! Eine Figur wie ein Hydrant!“ So urteilte Onkel Kurt, die Sportskanone, über seinen kleinen Neffen Michael. Das war Anfang der Fünfzigerjahre in Coburg, als Michael und seine etwas ältere Schwester Wally bei den Verwandten ihrer Mutter, bei Großmutter, Tanten und Onkels, wohnten. Das ursprüngliche Zuhause der Kinder war das österreichische Hard in Vorarlberg. Doch war Charlotte, ihre Mutter, durch einen Unfall schwerstverletzt im Krankenhaus gelandet, halbseitig gelähmt, das Leben neu erlernend.
Die Familie heißt Köhlmeier, und der eingangs zitierte kleine Michael ist heute der große Schriftsteller Michael Köhlmeier („Matou“, „Das Philosophenschiff“). Mit seinem soeben erschienenen Roman „Mein privates Glück“ erzählt er seine Lebensgeschichte. Eigentlich eine ganz alltägliche in dieser tristen Nachkriegszeit – mit den Entbehrungen, mit der heute unvorstellbaren Kargheit, den vom Krieg geprägten Biografien, von Freuden und Nöten der Kindheit und Jugend und ein wenig auch vom Aufbruch in eine neue Zeit. Es ist ein so liebenswertes wie lesenswertes Erinnerungsbuch. Eine Selbstbefragung, die einen konfrontiert mit unserer jüngsten Geschichte und mit dem Heranwachsen eines hellen, klugen Knaben.
„Über sich selbst zu schreiben, ist ein heikles Unternehmen … das habe ich immer so gesehen und habe es darum immer vermieden“, reflektiert Köhlmeier in seinem Roman. Nun aber, im 77. Lebensjahr, hat er es zum Glück getan. Ein Kampfsport-Ringer, wie von Onkel Kurt vorausgesagt, ist er zwar nicht geworden. Aus ihm wurde ein Ringer mit Worten und Geschichten, die er einzubetten versteht in politisches Zeitgeschehen, in Fantasie, in literarische Form.
Mit großer Zuneigung, aber nie ohne kritische Distanz breitet Köhlmeier die Biografien der nächsten Angehörigen aus, wie deren Leben so geworden ist wie es ist. Er malt ihre Porträts derart bunt und vielseitig, dass sie einem im Laufe der Lektüre immer vertrauter werden. Auch Charlotte, die schwierige, unglückliche Mutter, mit der es durchaus Augenblicke des Glücks gab. An seiner jugendlichen Liebe hatte es ihr nie gemangelt.
An der Spitze aber steht, wenn auch das Verhältnis zwischen beiden nicht immer das beste war, Michaels Vater Arnold, genannt Nolde. Ihm hat der Krieg, nach seinem ersten, aufschlussreichen „Bildungsjahr“ 1940/41 in Paris, die Jugend zerstört. Russland, das Trauma für Millionen junger Soldaten. Sein Vater, so schreibt Noldes Sohn Michael Köhlmeier, habe sich ein Versprechen gegeben: Wenn er den Krieg überlebe, etwas aus seinem Leben zu machen, „etwas Schönes“.
Auf der Durchreise zum Fronturlaub lernte Nolde in Coburg Charlotte kennen. Beim vierten Frontbesuch wurde geheiratet. Nach Kriegsende wohnte das junge Paar in Hard, Noldes Heimatdorf in Vorarlberg. Dort baute er ein Holzhaus, dort passierte Charlottes Tragödie, die das Leben der Familie bestimmen sollte.
Die Pariser Kultur-Lektionen aber hatten Nolde ebenso nachhaltig geformt wie das Unglück seiner jungen Frau. Sie machten aus ihm einen wissbegierigen, literatursüchtigen, in Kunst und Geschichte hochgebildeten Menschen. Einen Beruf hatte er nicht, stets aber Jobs, später auch im journalistischen Bereich und zeitweise drei Geliebte parallel. Doch nie dachte er daran, Charlotte zu verlassen. Die wirkliche Liebe lernte er erst spät kennen. Und das Glück erhob sich über die Sorge. Er ist die widersprüchlichste, interessanteste Figur des Romans, der letztlich ein Lebensbuch des Vaters geworden ist.
Heute hat der Autor seinen Vater und alle anderen altersmäßig überlebt. Auch seine geliebte Frau, die Schriftstellerin Monika Helfer, die erst jüngst völlig überraschend starb (siehe Kasten). Bei der Fertigstellung des Buches lebte sie noch, ganz beiläufig streute er das direkte Gespräch mit ihr ein. Zum Beispiel über seine Angst, ein geliebter Mensch könne Selbstmord begehen. Er, der bekennende Atheist inmitten einer katholischen Familie, philosophiert angesichts seiner „privaten“ Autobiografie über den Unterschied von Hoffnung und Erinnerung. Und als er eines Tages in Wien sich im Stephansdom in einen Beichtstuhl zwängt, um eine lang zurückliegende Jugendsünde loszuwerden, erfährt er eine staunenswerte Verunsicherung.
Vertraut und dennoch fremd ist uns dieses Lebensglück des Erzählers, scheinen uns diese Nöte, Sorgen, ja, auch Freuden jener Menschen, die ihn begleiteten, formten, liebten. Es sind Männer und Frauen, die aus einer längst vergangenen Zeit stammen. Und doch, Michael Köhlmeier sei Dank, sind sie uns alle so nah. SABINE DULTZ
Michael Köhlmeier:
„Mein privates Glück“. Hanser Verlag, 315 Seiten, 26 Euro. Michael Köhlmeier liest am 16. November um 19 Uhr im Münchner Literaturhaus aus seinem neuen Buch.