Jetzt auf dem Markt: „Gegen den Wind“.
In ihrem Roman erzählt Gerti Tetzner von einem Kindergarten in einem Neubaugebiet. © dpa
Arbeitet an einem neuen Roman: die Autorin Gerti Tetzner (90), hier aufgenommen am Schreibtisch in ihrer Wohnung in Berlin. © Jens Kalaene/dpa
Wenn Gerti Tetzners Roman „Gegen Wind“ 1981 veröffentlicht worden wäre, hätte dieses Buch im Literaturbetrieb wie eine Bombe eingeschlagen: Ungeschönt wird hier beschrieben, wie Kindheit in der DDR durch Drill und Konformitätsdruck zerstört wurde. Und wie jeder Versuch, gegen dieses System der damaligen DDR-Bildungsministerin Margot Honecker aufzubegehren, im Keim erstickt wurde.
Doch dieses Bild der DDR durfte nie erscheinen: Der Mitteldeutsche Verlag nannte das Buch seiner Autorin, die mit „Karen W.“ bereits einen großen internationalen Erfolg erzielt hatte, „den letzten Dreck“. Und ein Stasi-Mann machte der damals noch jungen Autorin klar, dass sie bei Erscheinen des Buches in einem westdeutschen Verlag wie Wolf Biermann ausgebürgert würde.
Gerti Tetzner, die Angst hatte, ihre Freunde in der DDR und ihre Tochter zu verlieren, ließ den Roman in der Schublade verschwinden und schrieb fortan nur noch unverfänglichere Kinderbücher.
Jetzt bringt der Aufbau-Verlag dieses Zeugnis der DDR-Kulturgeschichte wieder heraus – und es wird deutlich, welch literarisches Talent da von der realsozialistischen Obrigkeit zertrampelt wurde. Tetzner fängt die DDR-Atmosphäre der späten Siebzigerjahre plastisch ein. Die Geschichte der Erzieherin Kristine, die in ihrem „Grünen Haus“ ein Paradies für Kinder schafft und mit den Kleinen durch die Stadt zieht, um die grauen DDR-Fassaden bunt zu bemalen, war damals ein Plädoyer für eine bessere DDR.
Anfangs klappt es noch, mit Bauernschläue die Kinder-Oase zu retten. Die Obrigkeit nutzt den Kindergarten sogar als Vorzeige-Objekt für Polit-Besuch aus dem westlichen Ausland. Doch dann schlagen die grauen Männer des Regimes gnadenlos zu und beenden das bunte Treiben – die so starke Kristine zerbricht an den Mauern, gegen die sie so lange angerannt ist.
„Gegen Wind“ ist auch heute noch eine lohnenswerte Lektüre, eine Parabel des Widerstands. Vor allem aber ist die schonungslose Darstellung der Missstände im real existierenden Sozialismus ein Gegengift für alle DDR-Nostalgiker. So beschreibt Tetzner zwar auch den heute gern verklärten Zusammenhalt im Privaten. Doch die fröhliche Runde, die sich bei Kristina jeden Abend trifft, bricht schnell auseinander, als die Erzieherin als Staatsfeindin identifiziert wird.
Doch wahr ist auch, dass dieses DDR-Dokument Patina angesetzt hat. Für Nach-Wende-Kinder dürfte das Beschriebene so fremd klingen wie eine Geschichte aus einer fernen asiatischen Kultur. Aber dass Gerti Tetzner schreiben kann, das zeigt dieses Werk in jeder Zeile. Die heute 90-Jährige verrät in dem Interview, das im Buch mit abgedruckt ist, dass sie 45 Jahre nach der Zensur wieder an einem Roman arbeitet. Man darf gespannt sein!KLAUS RIMPEL
Gerti Tetzner:
„Gegen Wind“. Aufbau Verlag, 240 Seiten, 24 Euro.