Aus Liebe zur Heimat

von Redaktion

Charlotte Knobloch und ihr ungeplantes Buch „Trotzdem weiter“

Ein Münchner Kindl: Charlotte Knobloch auf dem Dach des Jüdischen Gemeindezentrums am St.-Jakobs-Platz. © Marcus Schlaf

Dieses Buch ist die Folge einer Täuschung. Und diese Erkenntnis ist umso bitterer, weil sie nicht nur die Autorin betrifft, sondern die Gesellschaft. „Ich habe mich getäuscht“, räumt Charlotte Knobloch in „Trotzdem weiter“ ein, und ergänzt: „Wir haben uns getäuscht!“ Das Rufzeichen unterstreicht die Dringlichkeit. Schließlich war Knoblochs neues Buch, das heute erscheint und in dem sie ihr „jüdisch-deutsches Fazit“ zieht, nicht geplant. Zumindest nicht in dieser Form.

Vor 14 Jahren legte die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern (IKG) und einstige Präsidentin des Zentralrats der Juden ihre Autobiografie „In Deutschland angekommen“ vor. Der Titel – eine Feststellung. Die Erinnerungen erschienen kurz vor dem 80. Geburtstag der Münchnerin, die 1932 im Rotkreuzkrankenhaus zur Welt kam und die Shoah überlebte: Eine ehemalige katholische Hausangestellte ihres Onkels rettete das Mädchen vor der Deportation, indem sie Charlotte mit ins mittelfränkische Arberg nahm und dort als ihr uneheliches Kind ausgab. „Dass es unmöglich war, ist und bleibt, an die Zeit vor 1933 anzuknüpfen, liegt auf der Hand“, schreibt Knobloch nun beim Blick auf das Verhältnis von Juden und Nichtjuden. Im nächsten Satz räumt sie in Bezug auf ihre Autobiografie allerdings ein, dass sie 2012 den Eindruck hatte, „dass es weitgehend gelungen ist, jüdisches Leben in Deutschland auf ein stabiles Fundament zu stellen“. Ein Irrtum, wie sich zeigen sollte.

Es sind daher nüchterne Analyse und deutliche Warnung, die „Trotzdem weiter“ eröffnen. Doch Knobloch („Ich wollte dieses Buch eigentlich nicht schreiben“) bleibt – und das ist typisch für sie – nicht bei ihrer detaillierten Bestandsaufnahme, die in ihrer Dringlichkeit und Wucht alle Demokraten erschrecken muss. Sie versammelt auf mehr als 250 Seiten ihre Sorgen, gewiss. Aber eben auch Wünsche, Vorschläge, Hoffnungen. „Dieses Buch basiert nicht auf Frust und Enttäuschung, sondern auf Liebe. Auf Liebe zu meiner Heimat. Ich habe nur diese eine.“

Es ist eine Liebe, die extrem herausgefordert wird, gerade in jüngster Zeit (wieder). Wer die ersten Kapitel liest, die dicht und faktenreich geschrieben sind, bekommt einen Eindruck davon, warum nicht nur Knobloch, sondern viele in der jüdischen Gemeinschaft diese Jahre als Verunsicherung, Belastung, Bedrohung erinnern. Anfang 2012 stellte eine Untersuchung im Auftrag der Bundesregierung fest, dass bei rund 20 Prozent der Bevölkerung antisemitische Einstellungen vorhanden sind.

Eine Binse, wie Jüdinnen und Juden aus ihrem Alltag wissen. Wie als Beleg gab es in rascher Folge etwa die Kontroversen um „Mein Kampf“, da das Werk „gemeinfrei“ wurde, um Günter Grass und sein Israel-Gedicht, um die Beschneidung jüdischer Buben; im Jahr darauf begann der NSU-Prozess und die AfD wurde gegründet. Ihre Auftritte als Gastrednerin in Parlamenten, in denen die Partei später sitzen wird, schildert Knobloch ebenfalls. Ein Zeitdokument, nicht nur für Historiker interessant. Die Autorin stellt nationale und internationale Politik sowie gesellschaftliche Entwicklungen nebeneinander, zeigt Parallelen auf und ordnet ein: klar argumentierend, präzise formulierend, ohne falsche Rücksichtnahme. Dabei hält sie sich glücklicherweise nicht zwingend an die Chronologie der Ereignisse, sondern arbeitet Motive und Zusammenhänge heraus. Besonders eindrucksvoll gelingt dies im Kapitel zu Corona.

All das macht „Trotzdem weiter“ zum politischen Buch. Doch wer genau liest, erkennt immer wieder den Menschen Knobloch: etwa wenn es um die Familie geht, um ihr Werben für einen aufgeklärten Patriotismus oder um ihre Begeisterung für den FC Bayern. Und: Dieses „Fazit“ ist auch ein München-Buch, zeichnet Stadtgeschichte nach und gibt etwa in den Ausführungen zu Russlands Krieg gegen die Ukraine einen dezidierten Einblick in die Arbeit der IKG. „Ich spreche und schreibe so, wie ich es tue, weil ich dieses Land liebe“, notiert Knobloch am Ende. Spürt man. Auf jeder Seite.MICHAEL SCHLEICHER

Charlotte Knobloch:

„Trotzdem weiter“. C. H. Beck, München, 266 Seiten; 26 Euro.
Lesung: Charlotte Knobloch stellt ihr Buch am Sonntag, 22. November, um 11 Uhr im Literaturhaus (Salvatorplatz 1) vor; www.literaturhaus-muenchen.de.

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