SALZBURG

Obsessionen eines Dirigenten

von Redaktion

Sensationelles Berg-Violinkonzert, dürftiges Brahms-Requiem mit Teodor Currentzis

Bei Teodor Currentzis klingt alles immer kalkuliert, nicht aus innerer Notwendigkeit entwickelt. © Marco Borrelli

In Salzburg gehen die Uhren anders. Und damit ist nicht allein die allgegenwärtige Verklärung der Vergangenheit gemeint, die an diesem historischen Ort Teil des touristischen Konzepts ist. Wobei selbst in einigen der traditionsreichen Caféhäuser mittlerweile eine gewisse Hektik zu spüren ist. Viel Zeit mitbringen muss man dagegen weiterhin beim Konzertprogramm der Festspiele. Gerade an den Tagen, an denen der „Jedermann“ sein Ausweichquartier bei eventuellem Regen im Großen Festspielhaus benötigt.

Dann nämlich können andere Auftritte wie nun der von Teodor Currentzis und seinem Utopia-Orchestra hier erst gegen 21 Uhr starten. Eine Unzeit, die zumindest das Hotelgewerbe freuen dürfte: An ein Heimkommen ist für Gäste von außerhalb nicht zu denken, wenn die letzte Note kurz vor Mitternacht verklingt. Müdigkeit ist bei Currentzis dennoch keine Option. Weder für sein Orchester, das er regelrecht durch die Musik peitscht. Noch für seine Fangemeinde, die jede Bewegung des exzentrischen Dirigenten gebannt verfolgt. Und die ihn auch diesmal wieder frenetisch dafür bejubelt, wie er nach bewährtem Schema die Extreme der vor ihm liegenden Partituren auslotet.

Etwa beim Opus 15c von György Kurtág, das von Gitarrist Elliot Simpson so behutsam gezupft und von Utopia so zart hauchend begleitet wird, dass jedes kleinste Rascheln im Saal böse Blicke der Sitznachbarn erntet. Ehe der Dirigent selbst plötzlich demonstriert, wie viel Lärm sich schon mit rund 30 Instrumenten machen lässt. Currentzis braucht dafür kein Podest, sondern hat quasi eine für ihn freigeräumte Tanzfläche, auf der er rund um sein Notenpult springt und stampft, sich krumm verrenkt, mal elegant im Takt wiegt oder fotogen in Pose wirft.

Da hört das Auge ebenso mit wie beim Violinkonzert von Alban Berg, wo sich Solistin Vilde Frang im zweiten Satz auf Wanderschaft begibt, während sich nach und nach die Streicher von ihren Stühlen erheben, um mit ihr auf Augenhöhe in Dialog zu treten. Aber auch ohne diesen Gimmick wäre das, was die Norwegerin hier zeigt, nichts weniger als sensationell. Frang liefert sich dem Stück mit Leib und Seele aus. Und dies schon beim von Currentzis kammermusikalisch aufgefächerten Andante, wo sie ihre Geige als Teil des großen Ganzen begreift und immer wieder den Impulsen aus dem Orchester lauscht. Technisch brillant, ohne das virtuose Element in den Vordergrund zu rücken. Durch den warmen Ton ihrer Guarneri bekommt diese klug ausbalancierte Lesart eine fast schon spirituelle Qualität.

Deutlich zwiespältiger bleibt dagegen das „Deutsche Requiem“ von Brahms. Was nicht am Utopia-Chor liegt, der hier stimmgewaltig eine ähnlich makellose Leistung abliefert wie das zu ihm gehörende Orchester. Es ist wieder einmal Currentzis‘ Obsession, die Tempi bis an ihre Grenzen zu dehnen und auch das dynamische Spektrum an beiden Enden zum maximalen Ausschlag zu treiben. Wodurch für Schattierungen dazwischen meist nur wenig Zeit bleibt. Am ehesten noch bei den Einsätzen von Bariton Matthias Winckhler, der den Texten mit prägnanter Diktion Nachdruck verleiht. Oder wenn sich Iveta Simonyans gläserner Sopran unter die zarten Streicher mischt. Kleine Inseln der Ruhe, ehe der Chor nochmals umso heftiger losdonnert.

Da ist man zwar körperlich erschüttert, aber deshalb nicht automatisch emotional bewegt. Meist wirken diese intensiv ausgereizten Momente eben doch eher kalkuliert als aus einer inneren Notwendigkeit heraus entwickelt. Wodurch diese an Klangfarben geradezu überschäumende Deutung oft nur an der Oberfläche kratzt.TOBIAS HELL

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