BUCH-KRITIK

Die Frauen von nebenan

von Redaktion

„Evas Tochter“ ist ein kluger Roman über die Frage, wie wir eigentlich leben wollen

Es geht im neuen Roman von Annette Mingels erst einmal um ein Zelt, das auf einem Gehweg steht. Hinter dem Zelt: die Villa der Familie von Clüver. In dem Zelt: Sophie, die skandalumwitterte Clüver-Tochter, die jahrelang nicht mehr gesehen wurde. Um das Zelt herum: eine Nachbarschaft, die den Fremdkörper in ihrer Straße mit Argwohn beäugt und deren Mitglieder gemeinsame Vergangenheiten teilen, in denen Dinge vorgefallen sind, deren Auswirkungen bis in die Gegenwart reichen.

Sophies Geschichte wird Kapitel für Kapitel von diesen Nachbarn erzählt, genauer gesagt von den Nachbarinnen. Frauen unterschiedlichsten Alters, von der achtzehnjährigen Schülerin über die Mitte-Dreißigjährigen bis hin zu den Witwen, die unter dem Verlust ihrer Partner leiden, denen es aber vielleicht trotzdem besser geht als denen, die ihre Männer noch bei sich haben.

Es geht also vordergründig vor allem um Sophie und deren zerrüttetes Verhältnis zu ihrer Mutter Eva. Aber ganz genauso geht es um Wanda, deren Joggingstrecke an dem Zelt vorbeiführt und die – getrieben von unbändigem Ehrgeiz – Armut, Perspektivlosigkeit und 30 Kilo Körpergewicht hinter sich gelassen hat. Und um Lilli, die sich über ihre sexuelle Orientierung Klarheit verschaffen will, indem sie sich online gegen Geld vor der Kamera auszieht. Um Hanne, die ungewollt kinderlos geblieben ist und sich jetzt, im Rentenalter, die Sinnfrage stellt. Und um Greta, deren perfektes Instagram-Leben sich hinter den Kulissen allmählich aufzulösen beginnt.

Wie soll das eigentlich gehen, als Frau zu leben? Und obendrein mit Männern? Das ist die Frage, die sich nach jedem Kapitel weiter aufdrängt. Und wer zu Beginn des Buchs vielleicht noch dachte, sie beantworten zu können, dessen oder deren Gewissheit dürfte nach Ende der Lektüre nicht mehr so gefestigt sein. Denn die individuellen Lebensgeschichten der Nachbarinnen legen ganz nebenbei offen, wie tief patriarchale Strukturen nach wie vor verankert sind. Das wird mal sehr lustig und mal sehr traurig erzählt, bleibt aber immer wahr. Ein kluger und warmer Roman, mit dem Annette Mingels den Finger in zahlreiche offene Wunden legt.JOHANNA SCHULTHEISS

Annette Mingels:

„Evas Tochter“. Penguin, 240 Seiten; 24 Euro.

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