Leidenschaftliche Sachwalter des Stücks: Kathrin Zukowski (Natalie), Dirigent Ingo Metzmacher und Georg Nigl (Homburg) in der Felsenreitschule. © © Marco Borrelli
Feiern, das kann man in Salzburg zur Festspielzeit. Und dies zum Glück keineswegs nur dann, wenn es um die Hausgötter Mozart und Strauss geht. Auch die Moderne hat hier ihren fixen Platz. Weshalb man den 100. Geburtstag des 2012 gestorbenen Hans Werner Henze nicht einfach vorüberziehen lassen konnte und den Komponisten mit einer Aufführung seiner Oper „Der Prinz von Homburg“ ehrte.
Für eine szenische Umsetzung hatte es in der Felsenreitschule zwar nicht gereicht. Doch in konzertanter Form lag ein umso größerer Fokus auf der Partitur, die von Dirigent Ingo Metzmacher im lauten Schlussjubel demonstrativ gen Himmel gehoben wurde. Als Mann für die Moderne hatte er an gleicher Stelle bereits im vergangenen Jahr mit Henzes monumentalem Oratorium „Das Floß der Medusa“ triumphiert.
Auch beim deutlich filigraner gestrickten „Prinzen“ erwies sich Metzmacher als leidenschaftlicher Sachwalter des Komponisten. Am Pult des ORF Radio-Symphonieorchesters Wien lieferte er eine fesselnde Deutung dieses psychologisch vielschichtigen Dramas, dessen Strukturen er akribisch sezierte, ohne dabei ins Akademische zu verfallen. Henzes Komposition blieb bei ihm selbst in Abwesenheit von Szene und Kostüm packende Theatermusik, bei der nicht nur das Orchester, sondern auch das Publikum auf der Stuhlkante saß.
In einem Atemzug nennen muss man hier unbedingt auch Henzes kongeniale Wegbegleiterin Ingeborg Bachmann. Schließlich gilt es, 2026 auch ihren 100. Geburtstag zu feiern. Bachmann hat die berühmte Schauspiel-Vorlage nicht nur für die Opernbühne „eingerichtet“, wie es auf dem Titelblatt steht. Sie hat Kleists Drama vielmehr geschickt gerafft und mit neuen Schwerpunkten noch stärker das Seelenleben der Figuren in den Mittelpunkt gerückt. Schlachtenlärm und Siegesjubel haben bei Bachmann nur wenig Platz. Was den wenigen Momenten, in denen sich das Säbelrasseln dennoch in die Partitur schleicht, umso mehr Effekt verleiht.
Zentrum des Geschehens bleibt dennoch der verträumte und durchgeistigte Titelheld, der sich nach einer unabsichtlichen Befehlsverweigerung vor dem Kriegsgericht wiederfindet. Eine Rolle, die dem versierten Liedsänger Georg Nigl wie ein maßgeschneiderter Handschuh passt. Mal zart hauchend, mal pathetisch deklamierend nimmt er das Publikum mit auf eine hochemotionale Reise, deren vermeintliches Happy End einen merkwürdigen Nachgeschmack hinterlässt. Unter anderem auch, weil die Machtverhältnisse nicht immer klar definiert sind. Denn mit Maximilian Schmitt steht ihm als Kurfürst kein Held der alten Garde gegenüber, sondern ein Tenor, der sich sein jugendliches Timbre auch nach dem Wechsel ins dramatischere Fach bewahrt hat und so mit dem abtrünnigen Neffen Homburg auf Augenhöhe agiert.
An Autorität mangelt es Schmitt ebenso wenig wie Tanja Ariane Baumgartner, die als Matriarchin mit klangvollem Mezzosopran für ihre Prinzipien einsteht. Und auch Kathrin Zukowski als Prinzessin Natalie stürzt sich mit klarem Sopran selbstbewusst in die Wortgefechte, in denen sie ihren Liebsten verteidigt. Womit sie sich ebenso für größere Festival-Aufgaben empfiehlt wie Tenor Magnus Dietrich als Graf Hohenzollern.
Eine Festspiel-Aufführung, die den beiden Geburtstagskindern Henze und Bachmann alle Ehre macht und hoffen lässt, dass es für die nächste szenische Produktion nicht wieder erst ein Jubiläum braucht.TOBIAS HELL