Lernen per App bietet Grubingers „MyGroove“.
Ein Schlagzeug-Virtuose – aber nur noch für die Studenten am Salzburger Mozarteum: Martin Grubinger gibt seine Kunst auf vielerlei Arten weiter. © MyGroove (2)
Vor drei Jahren, mit 40, hat Martin Grubinger wie geplant seine Karriere beendet. Nun kehrt der Multi-Perkussionist nach München zurück – zum ARD-Wettbewerb. Dort ist er Vorsitzender der Schlagzeug-Jury.
Gibt es Ihnen einen Stich, wenn Sie den Nachwuchs auf der Bühne sehen?
Auf jeden Fall bewundere ich die jungen Leute. Aber es ist tatsächlich so, dass ich mir manchmal denke, auch wenn ich meine Studierenden am Mozarteum unterrichte: Mein Gott, wär‘ schon toll, da jetzt mitzuspielen. Und doch sage ich mir, gerade mit Blick auf die Stücke beim ARD-Wettbewerb: Wahnsinn, was für eine Herausforderung, Gott sei Dank musst du da nicht mittun.
Sind Sie froh, dass Sie zu Ihrer Zeit Karriere gemacht haben?
Irgendwie ja. Ich hatte wahrscheinlich noch das Glück, dass ich mein Publikum ganz langsam aufbauen konnte und damit Erfolg hatte. Ich erinnere mich noch an mein erstes Konzert in München, in der Black Box im Gasteig. Die war etwas spärlich besetzt. Aber ich habe trotzdem voller Leidenschaft gespielt. Das nächste Mal durfte ich in einen größeren Saal, und dann bekam ich auch die Chance, mit den Münchner Philharmonikern aufzutreten.
Professorinnen und Professoren an den Musikhochschulen räumen ein, dass eigentlich zu viele Studierende ausgebildet werden.
Die Frage ist wirklich: Wie groß ist die Chance, dass man tatsächlich internationaler Schlagzeugsolist wird? Und ist nicht zu einem frühen Zeitpunkt ein ehrliches Gespräch mit den Studierenden notwendig? Ist man wirklich in der Lage, im Herkulessaal, in der Isarphilharmonie ein Publikum zu begeistern, zu inspirieren, zu emotionalisieren, ein Orchester mitzureißen und einen Dirigenten davon zu überzeugen, mit einem ein Stück des Weges zu gehen? Andererseits: Wer wirklich dafür brennt, der soll und muss es tun.
Wie wichtig sind Wettbewerbe überhaupt?
Ich halte sie für wichtig. Inhaltlich für die Teilnehmenden, weil man in diesem Zeitraum große Fortschritte macht. Man studiert nicht vor sich hin, sondern lernt ein Repertoire, mit dem man in jedem Konzertsaal dieser Welt reüssieren könnte. Und dann ist ein Wettbewerb, gerade wenn man einen Preis gewinnt, ein Sprungbrett, weil es meistens Folge-Engagements gibt. Die Frage bleibt aber immer: Kann ich das Publikum auch langfristig für mich gewinnen? Der ARD-Wettbewerb kann ein Kick sein, aber er gibt keine Antworten. Die muss man dann selber im Saal finden.
Wie geht es eigentlich Ihrem Geschichtsstudium? Nach dem Ende Ihrer Karriere hatten Sie sich das doch vorgenommen.
Da rühren Sie wirklich in einer Wunde. Ich hab’s bis heute nicht angefangen – aber es ist nur aufgeschoben! Das liegt auch an der Lern-App „MyGroove“, die ich zusammen mit Red Bull entwickle. Ich glaube einfach an die Möglichkeit, dass wir das Erlernen eines Instruments noch mal auf ganz andere Beine stellen müssen. Es gibt natürlich Musikschulen und Musiklehrer – aber nicht überall. In vielen Gegenden fehlt diese Struktur.
Was bietet Ihre App?
Wir vermitteln Instrumentalunterricht auf sechs Instrumenten, nämlich Schlagzeug, Gitarre, E-Bass, Gesang, Klavier und Percussion, und dies mit über 20.000 Übungen. Alles für den totalen Anfänger bis zu sehr fortgeschrittenen Hobby-Musikern. Das bauen wir Schritt für Schritt auf. Wenn da schon Sieben- bis Achtjährigen auf spielerische Weise mitmachen, kann man viel erreichen.
Träumen Sie noch von Konzerten?
Ein Albtraum verfolgt mich tatsächlich. Konzert mit den Wiener Philharmonikern und Dirigent Seiji Ozawa – unter dem ich nie gespielt habe! Ich komme auf die Bühne, und es heißt plötzlich: Schlagzeug-Konzert von John Corigliano. Aber ich habe das gar nicht einstudiert! Regelmäßig träume ich das.
Also doch nicht mit der Karriere abgeschlossen?
Ich bin total im Reinen mit mir. Ich habe diese Entscheidung nie bereut. Ich habe meinen Beruf von beiden Enden brennend betrieben, mit einer Riesenintensität, auch was Uraufführungen, Erstaufführungen oder ungewöhnliche Programme betrifft. Und beim Schlagzeuger kommt halt immer die physische Komponente dazu.
Haben Sie eigentlich einen Lebensabschnittsplan? Karriere-Ende mit 40, dann Professur, danach etwas ganz anderes?
Wissen Sie, ich habe auf Netflix die Dokumentation über Arnold Schwarzenegger gesehen. Drei Episoden. Arnold, der Bodybuilder. Arnold, der Schauspieler. Arnold, der Politiker. Und da dachte ich: Vielleicht ist es richtig so, dass man diese Lebensabschnitte hat, und in den jeweiligen legt man alles hinein, was man imstande ist zu geben. Vielleicht ist mein dritter Abschnitt endlich das Geschichtsstudium.
Oder Politiker, Sie äußern sich ja dezidiert zu aktuellen Problemen.
Ich habe meine Überzeugungen. Aber wenn wir mal vom rein Handwerklichen sprechen… Ich bin viel zu direkt, zu emotional, mir würde der diplomatische Ansatz fehlen. Und an der ein oder anderen Stelle wohl auch die Kompromissbereitschaft. Da steht mir meine Leidenschaft im Weg.