NEUERSCHEINUNG

Wenn Freundschaft radikal wird

von Redaktion

Franziska Gänsler ist mit „Orca“ für den Deutschen Buchpreis nominiert – zu Recht

Glücklich über die Nominierung: Franziska Gänsler auf Instagram.

Franziska Gänsler analysiert in ihrem neuen Buch die GenZ mit Mitgefühl und ohne Häme. © Bahar Kaygusuz

Die diesjährige Longlist zum Deutschen Buchpreis belegt glasklar, dass sich der Blick der Jury deutlicher als in früheren Jahren nach Osten richtete: So lässt sich anhand dieser in Ostdeutschland oder unter Russlanddeutschen spielenden Geschichten neben Lukas Rietzschels „Sanditz“ oder Helene Bukowskis „Wer möchte nicht im Leben bleiben“ oder Alisha Gamischs „Parasiti“ wohl eine gewisse politische Besorgnis angesichts der anstehenden Wahlen in Berlin, Sachsen-Anhalt und Thüringen herauslesen. Auch die in Augsburg und Berlin lebende Autorin Franziska Gänsler befasst sich in ihrem Roman „Orca“ mit zwei jungen Frauen, die sich zunehmend radikalisieren.

Schon Gänslers Klimawandel-Debüt „Ewig Sommer“ von 2022 war und ist leider hochaktuell, mit brennenden Wäldern und Vögeln, die vom Himmel fallen. In der beklemmenden Dystopie hatten die zwei Protagonistinnen von „Orca“ bereits kurze Auftritte. Jetzt widmet sich Gänsler ausführlicher der Freundschaft der beiden, ihren Eifersüchteleien, Abhängigkeiten und irer allzeit gewaltbereiten Radikalisierung.

Die Ich-Erzählerin Cora und ihre ehemalige Grundschulfreundin Olympia, eine arbeitet an der Fleischtheke im Supermarkt, die andere zählte damals zu den „Rich Kids“ der Schule, geraten eher zufällig in die Nähe einer Gruppe von Klima-Aktivisten. Ihre Gründe, mitzumachen, sind unterschiedlich. Die Auswirkungen aber recht ähnlich. Die unangepasste Olympia trägt eine anfangs nicht näher fassbare Wut in sich. Die Elite-Gymnasiums-Stipendiatin Cora ist einerseits klug, durchschaut vieles und ist extrem ehrgeizig, ist ihrer Freundin Olympia aber immer und überall in einer merkwürdig knienden Anbetung ergeben. Aus diesem Grund will sie sich für Olympia und die Öko-Aktivisten-Gruppe mit einer wahnsinnigen Aktion unentbehrlich machen.

Gänsler erklärt die Motivation zu Aktivismus und Gewalt sehr einleuchtend. Gerade aus der Perspektive junger Mädchen, die mit einem körperlichen Erstarken durch das erforderliche, permanente Training für den nächsten Straßenkampf auch einen völlig anderen Blick auf die Welt gewinnen. Die jugendlichen Charaktere sind genau beschrieben und überaus authentisch, bis hin zu den künstlichen Nägeln. Die zu Unrecht so viel gescholtene GenZ, in „Orca“ wird sie mitsamt ihres Corona-Traumas endlich einmal einfühlsam, plausibel und ohne jede Häme analysiert.ULRIKE FRICK

Franziska Gänsler:

„Orca“. Verlag Kein & Aber, 368 Seiten, 25 Euro. Fanziska Gänsler liest am 25. September um 19.30 Uhr im City Club Augsburg aus ihrem neuen Roman. Eintritt: 15 Euro.

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