Spot on für David Garrett und sein starkes Bühnenbild.
Mieses Wetter, aber ein Großteil des Publikums trotzte dem Regen und bekam eine klasse Show geliefert. © M. Hangen (2)
Mit großem Spaß bei der Sache: David Garrett am Freitagabend in München. © Martin Hangen
Es dauert eine Weile, bis David Garrett besorgte Menschen auf dem rappelvollen Münchner Königsplatz beruhigen kann: Nein, bei der Geige, die da im Dauerregen ununterbrochen trocken gewischt werden muss, handelt es sich nicht um seine Stradivari. Ohne respektlos sein zu wollen: Für das, was Garrett da bei seiner „Millennium Symphony Tour“ spielt, bräuchte er die auch nicht. Garrett bietet Pop-Hits aus dem letzten Vierteljahrhundert klassisch angehaucht dar, das fordert weder das Instrument noch ihn über Gebühr. Aber Garrett geht es auch nicht darum, technisch zu brillieren. Man kann dem Mann abnehmen, dass es ihm einfach Spaß macht, Titel wie „Blinding Lights“ oder „Despacito“ zu spielen. Und auch wenn er in ein paar Tagen 46 Jahre alt wird, verströmt er nach wie vor unbefangenen jugendlichen Charme, wenn er einen ziemlich überraschenden Cocktail anbietet, bei dem Beyoncé ebenso zu ihrem Recht kommt wie die White Stripes.
Seit Langem spaltet Garretts Flirten mit populärer Musik die Kritik. Für Puristen verschwendet Garrett damit sein sensationelles Talent. Für die anderen ist er ein Brückenbauer, dem es gelingt, auch Menschen, die sonst mit Klassik nicht allzu viel anfangen können, wenigstens ein wenig Appetit darauf zu machen. Tatsächlich gibt sich Garrett in seinen angenehm unaufgeregten Moderationen sichtlich Mühe, etwas Wissen über die klassische Musik und ihre Granden zu vermitteln. Dabei scheut er nicht davor zurück, Harry Styles in einem Atemzug mit Mozart zu nennen oder Rammstein ähnliche Qualitäten zuzusprechen, die auch Beethovens Musik auszeichnen.
Man ahnt, weshalb er das – wider besseres Wissen – tut. Er will veranschaulichen, dass auch klassische Musik Freude bereitet. Vielleicht übertreibt er es deswegen auch nicht mit den klassischen Elementen. Das brave Bohemian Symphonic Orchestra darf Hintergrundbeschallung liefern, aber kaum je Akzente setzen. Und auch Garrett selbst spielt die Hits leicht wiedererkennbar nach, das Publikum soll ja mitgehen können. Erstaunlicherweise sind es ausgerechnet Dancefloor-Stücke wie „Moves like Jagger“ von Maroon 5, „Dance Monkey“ von Tones and I (das er ein modernes Beispiel für Programmmusik nennt) oder insbesondere „Wake me up“ von Avicii, denen Garrett eine eigene Handschrift verleiht und neue, faszinierende Klänge einarbeitet. Das freilich bleibt die Ausnahme. Garrett weiß, dass man auf einer riesigen Freiluftbühne vor tausenden von Fans auch Show bieten muss, also bietet er Show.
Bei „Take me to Church“ kickt er im Takt eine Glocke, die eigens heruntergelassen wird, bei „Shape of You“ bedient er gleichzeitig eine Trommel, ein Loop-Pedal, um sich selbst zu begleiten, und natürlich die Geige. Männer können auch Multitasking merkt er launig dazu an, sogar bei strömendem Regen. Er läuft geigend durch die Reihen, um ganz nah beim Publikum zu sein, das bei hundsmiserablem Wetter wacker durchhält. Garrett gibt erkennbar alles, um den Menschen trotz widrigster Umstände einen unvergesslichen Abend zu bieten. „Wir ziehen das hier durch“, das wird Garretts Mantra in dieser nasskalten Nacht. Einige wenige durchnässte Menschen geben dennoch in der Pause auf und streben zum Ausgang. Aber die überwältigende Mehrheit harrt gemeinsam mit Garrett aus, der noch einmal mächtig aufdreht.
Neben ein paar altbewährten Abräumern wie „Smooth Criminal“ oder „Smells like Teen Spirit“ hört man noch ein bisschen Beethoven und Mozart, eine Art musikalische Kurzbiografie eines Hochbegabten, der seine Laufbahn als klassischer Geiger zugunsten des Entertainments aufgegeben hat. Garrett ist mit sich im Reinen und hat keinerlei Bedürfnis, sich zu rechtfertigen. Er tut, wozu er Lust hat, und den Fans gefällt es. Am Ende herrscht dann trotz Dreckswetter tatsächlich ausgelassene Freude in der Matsch-Einöde. Es hat ein wenig gedauert, aber die Stimmung war dann doch besser als das Wetter.ZORAN GOJIC