Seine Virtuosität, seine technische Perfektion sind derzeit schwer zu überbieten: Geiger Augustin Hadelich (rechts) mit Christian Thielemann. © Marco Borrelli
Ein reines Brahms-Programm kann auch anstrengend sein. In falsche Hände geraten, bekommt diese Klangwelt schnell eine verstaubte, schwere, durchgesessene Inneneinrichtung. Nicht so bei den Wiener Philharmonikern mit Christian Thielemann: Bei den Salzburger Festspielen ist da alles voller Leben – dunkler Glanz, warme Luft, gespannte Polsterung. Thielemann nimmt Brahms dabei nicht das Gewicht. Dieser Brahms trägt Gewicht, ohne je träge zu werden; er glüht dunkel, ohne zu verrußen.
Da muss es einen aus dem Sitz heben
Im Violinkonzert braucht die Exposition des Kopfsatzes noch ein wenig, bis der Klang greift. Thielemann hält die Musik zunächst kurz, vorsichtig, als prüfe er, wie viel Beweglichkeit das Stück verträgt. Dann zeigt sich seine Kunst der Disposition und eine lustvolle, augenscheinliche Spontaneität. Er setzt Klangblöcke gerade auch dort, wo man sie nicht unbedingt erwartet, und verschiebt Gewichte: Wo es nach Auftrumpfen riecht, bleibt er schlanker; wo man mit Durchgang rechnet, verdichtet er.
Augustin Hadelich passt in Thielemanns dunkel-goldene Lesart gut – fast überraschend gut. Ein Geiger der breiten Besitzergreifung ist er zwar nicht. Sein Ton hat etwas Festes und Zerbrechliches zugleich: Stahl und Porzellan. Er steht im Orchester, ohne unterzugehen; er hebt sich ab, ohne sich vor den Klang zu drängen. Das ganz große violinistische Kaleidoskop führt Hadelich selten vor; hin und wieder steht er dadurch etwas zu sehr über den Dingen. Seine Virtuosität, seine technische Perfektion sind derzeit schwer zu überbieten. Im Zusammenspiel mit Thielemann findet dieses aspekthafte Spiel zu seiner vollen Kraft, findet musikalische Ergänzung, ja regelrecht Vollkommenheit.
Und das produziert gerade in der lyrischen Mitte des Konzerts ungeheure Klangfarben. Dabei kippt nichts ins bloß Wehmütige. Unter der schönen Fläche läuft Unruhe. Thielemann gibt der Musik einen inneren Motor, ein latentes Drängen, das sie vor dem Zerfließen, vor einer Brucknerschen Entgrenzung bewahrt. Das Finale wirkt wie die nächste Entladung: dramatisch angeschoben, nach hinten freigesetzt, aber nie losgelassen.
Überhaupt erlebt man Thielemann mit offensichtlich wiedergefundener Radikalität im Zugriff. In den letzten Jahren wirkte er oft verfrüht altersmilde: preußisch kaltschnäuzig und seltsam lässig zugleich. Gerade aber in Brahms‘ Erster packt er entschiedener zu. Und wie: Die Exposition wird beachtlich unter Spannung gesetzt, der Orgelpunkt tief einbetoniert. Dann wird aufgeschichtet, aufgeladen; mitreißend ist das, eine Demonstration größter symphonischer Formkraft.
Denn wo die Symphonie breiter atmet, sackt sie nicht zusammen. Thielemann glättet manches, schleift Kanten ab, aber er verharmlost nicht. Auch im oft unscheinbaren Allegretto zeigt sich der große Disponent: fein dosiert, bewusst gebaut, mit Übergängen, die nicht verkleben. Die großen Kisten hebt sich Thielemann für die neuralgischen Punkte auf. Das Finale wird dann apokalyptisch. Vor dem C-Dur-Hymnus staut sich der Klang, als müsse sich die Musik durch dunkles Gelände arbeiten. Doch dann erscheint das Thema schlicht, nicht als Erlösung ausgestellt.
Das Finale wird dann apokalyptisch
Erst in der Themenreprise bekommt es bei Thielemann Zug. Endet das wirklich im Triumph, wie die Nähe zu Beethovens Neunter nahelegt? An diesem Vormittag bleibt das in der Deutung bewusst offen. Auf dieses Finalproblem in allen Symphonien nach Beethoven, bei Brahms im Besonderen, antwortet Thielemann mit einer gewaltvollen Machtdemonstration: Er lässt das Plagalschluss-Gewitter toben und hämmert Brahms‘ großen symphonischen Aufschlag mit Nachdruck in den Mönchsberg – da muss es einen aus dem Sitz heben.WILLI PATZELT