Irres Bad in der Menge

von Redaktion

Getragen von den Fans: Nick Cave begeistert auf dem Königsplatz

Völlig hin und weg: Viele Zuschauer konnten die Songs von Nick Cave and the Bad Seeds mitsingen. © Marcus Schlaf

Als könnte er schweben: Nick Cave hat am Sonntagabend sein Publikum zum Jubeln gebracht. © Marcus Schlaf (2)

Nick Cave dreht sich zu den Bad Seeds um und schaut recht schuldbewusst drein. „I fucked that up“, sagt er, er hat‘s vermasselt. Er sei sich nicht sicher, ob es dem Publikum am Königsplatz aufgefallen sei, aber „From Her To Eternity“ sollte eigentlich anders klingen. „Das war ein epischer Kampf zwischen mir und der Band“, erklärt der 68-Jährige im nachtblauen Anzug. „Und die Band hat gewonnen.“

Die Band, seit 1983 in unterschiedlichen Besetzungen aktiv, könnte man für sich genommen schon als Höhepunkt dieses Sonntagabends bezeichnen. So gut spielen die Musiker zusammen, so voll und experimentell ist der Klang ihrer Instrumente und der Stimmen der drei Backgroundsänger auf der „Wild God Tour“. Wäre da nicht noch Nick Cave.

Der Australier strahlt gleichermaßen düstere Schwere und humorvolle Leichtigkeit aus. Und stürzt sich mit dem ersten Song „Get Ready For Love“ und seinem ganzen Sein in diesen Abend vor rund 13.500 Besuchern. Wühlt sich durch die zahllosen Hände, die ihm entgegengestreckt werden. Hält sie, länger als jedes gesellschaftlich akzeptierte Händeschütteln dauern würde. Und lässt dabei seine sonore Stimme grollen, schmeicheln, manchmal auch dämonisch krächzen. Cave lebt die Songs, er durchleidet sie.

Den gleichen Einsatz fordert der Sänger, der zwischen Bühnenkante und einem schwarzen Flügel pendelt, auch von seinem Publikum. Er wünscht sich, dass alle mitsingen bei „O Children“, erklärt er. Als er wieder auf Tuchfühlung mit der ersten Reihe geht, zieht er einen Jungen heraus, holt ihn zu sich auf die Bühne. Und lässt ihn singen. Später am Abend, der Mond scheint bereits hinter den Wolken über dem Königsplatz hervor, wiederholt er das mit einer jungen Frau. Nick Cave könnte seinen Zauber an jedem profanen Ort mühelos wirken lassen. Aber natürlich wirkt sein musikalisches Voodoo an diesem Ort noch mehr, zwischen Antikensammlungen und Glyptothek, unter dem Münchner Nachthimmel.

Das Publikum quittiert den Einsatz des Meisters mit Jubel. Als die ersten Töne von „Red Right Hand“ erklingen, lassen die Fans der Serie „Peaky Blinders“, deren Titellied der Song ist, ihre Begeisterung lautstark hören. Für den Abschluss der regulären Setlist, die klug Lautes, Wildes, Schnelles mit sanfteren Klängen durchmischt, schenken Cave and the Bad Seeds dem Publikum eine virtuose Darbietung von „Hollywood“. Das epische Finale des Albums „Ghosteen“ dauert über 14 Minuten, Sänger und Band zelebrieren jede einzelne davon.

Doch damit ist der Abend nicht zu Ende. Ganze fünf Zugaben gibt Nick Cave, der die Band nach der vierten Zugabe „Skeleton Tree“ erst vorstellt und dann verabschiedet, um das letzte Lied allein mit den Fans zu spielen. Cave bittet das Publikum, „Into My Arms“ mit ihm zu singen. Diesen Wunsch erfüllen die Besucher am Königsplatz gern. Und während sein Klavierspiel immer leiser und der Gesang immer lauter wird, ist der emotionale Höhepunkt erreicht. „You are fucking awesome!“, ihr seid verdammt großartig, bedankt er sich zum Abschied.

Er habe übrigens ein zweites Lied vermasselt, behauptet der Sänger. „Papa Won’t Leave You, Henry“ sei ihm misslungen. Was das Publikum nicht vom Jubeln abhält. Eine Weisheit wolle er den Leuten mitgeben, sagt er. „Vermasselt Dinge, und sie werden besser.“ Man muss es sehr deutlich sagen: Wenn Nick Cave meint, etwas vermasselt zu haben, ist es immer noch verdammt großartig. So wie dieser Abend auf dem Königsplatz.KATHRIN BRACK

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