Große Klasse: Das Oktett von Schlagzeuger Dag Magnus Narvesen begeisterte das Publikum. © Julian Gruber
Ein Quartett, das mit zwei Posaunen, Harfe und Piano einen charmanten Tribut an sowohl Erik Satie als auch Joni Mitchell ausrichtet. Ein Dudelsackspieler, der einen Tag vom Kirchturm, den anderen vom Ruderboot auf dem örtlichen See bläst, um sich dazwischen in eine freidrehende Triokakophonie mit Trompete und Percussion zu stürzen. Ein Quintett, das mit Posaune, drei Gitarren und Drums ein grandioses Progrock-goes-Jazz-Soundtheater inszeniert. Wer binnen drei Tagen all dies (und vieles Überraschende mehr) erleben will, muss ein Jazzfestival besuchen. Nicht irgendeins natürlich, sondern das in Saalfelden im Salzburger Land, wo heuer die 46. Ausgabe der international renommierten Veranstaltung über diverse Bühnen ging.
In Saalfelden begann 2016 mit einem Kompositionsauftrag an Bassist Lukas Kranzelbinder die Erfolgsgeschichte von Shake Stew. Das zehnjährige Bandjubiläum feierte das fulminante Septett gemeinsam mit der Eisenbahnermusikkapelle und der Bürgermusik Saalfelden in einem Umzug vom Rathaus zum Stadtpark. Zu erleben, wie engagiert und kompetent sich die traditionellen Blaskapellen in die Arrangements der komplexen Jazzkompositionen einklinkten, war ein berührendes Beispiel für die integrative Kraft von Musik über alle stilistischen Konfessionen hinweg. Altsaxofonistin Yvonne Moriel, seit vergangenem Jahr jüngstes Shake-Stew-Mitglied, hatte man diesmal die das Festival traditionell eröffnende Auftragskomposition anvertraut. Der Hochbegabten gelang es, mit einer Suite für ein Sextett mit Keyboards, Harfe, Bass und zwei sich höchst kommunikativ ergänzenden Schlagzeugern eine bezwingend eigenständige Gruppenidentität zu kreieren: gelungenster Festivalauftakt seit Shake Stew 2016.
Wie viel Abwechslungsreichtum mit fünf Bläsern plus Rhythmusgruppe möglich ist, wenn der Bandleader ebenso raffiniert komponieren wie trommeln kann, bewies das Oktett von Schlagzeuger Dag Magnus Narvesen. Die hochschwangere Pianistin Marta Sanchez wiederum beeindruckte in ihrem Solokonzert mit dezenten Flügelpräparationen als konstituierendem Element ihrer dynamischen Kompositionen.
Unvermeidlich gab es im breit gefächerten Programm, das von feinnervigsten Pianotrio-Improvisationen bis zu brachialen Noise-Attacken reichte, auch Fades und Missglücktes. Doch die Höhepunkte überwogen, allen voran das eingangs erwähnte gitarrenlastige Quintett Ye Olde von Posaunist Jacob Garchik. Und jedes Festival, das in ein so mitreißendes Abschlusskonzert wie das vom Quartett Yeah No mündet, das Balkanmelodien und -rhythmen in vitalen Gegenwartsjazz überführte, verlässt man mit einem guten Gefühl.REINHOLD UNGER