Salzburg

Bombastisches ohne Spektakel

von Redaktion

Kirill Petrenko, Leif Ove Andsnes und die Berliner Philharmoniker im Großen Festspielhaus

Kirill Petrenko am Pult seines Orchesters. © Marco Borrelli

Die diesjährigen Osterfestspiele wurden als das große Salzburg-Comeback der Berliner Philharmoniker gefeiert. Aber eigentlich waren sie nie so richtig weg. Zumindest nicht beim sommerlichen Festival, wo sie traditionell mit zwei Konzerten den Endspurt einläuten. Ein Termin, der auch bei Klassikfans aus dem benachbarten Bayern stets lange vorher dick im Kalender angestrichen sein dürfte – verhieß es doch auch in diesem Jahr ein heiß ersehntes Wiedersehen mit dem hier noch immer geradezu kultisch verehrten ehemaligen Münchner Generalmusikdirektor Kirill Petrenko.

Nach Elgar und Tschaikowsky zum Aufwärmen stand am zweiten Abend gleich doppelt die Nummer drei auf dem Programm. Zunächst das dritte Klavierkonzert von Beethoven, gefolgt von Skrjabins dritter Sinfonie. Zwei Werke, getrennt durch knapp 100 Jahre. Und wenn der Abend eines bestätigte, dann vor allem das bekannte Petrenko-Phänomen: Je bombastischer eine Partitur auf den ersten Moment erscheint, desto wohler fühlt sich dieser Dirigent. Wobei es im Fall von Skrjabins „Le Divin Poème“ auch diesmal nicht nur um den sinnlichen Rausch ging.

Der riesige Orchesterapparat war Petrenko vielmehr erneut ein Ansporn, jede einzelne instrumentale Farbe akribisch herauszukitzeln und das Klangbild so transparent wie möglich aufzufächern. Drei Sätze, pausenlos durchgespielt und von Petrenko als großer Steigerungsbogen angelegt. Die Sinfonie wurde allerdings nicht als großes Spektakel inszeniert. Die „Kämpfe des versklavten Menschen“ präsentierten sich ebenso aus der philosophischen Perspektive wie das „Göttliche Spiel“ des letzten Satzes. Lediglich bei den „Voluptés“ ließ sich auch Petrenko zuweilen von den „sinnlichen Genüssen“ davontragen und packte das Publikum in fluffig weiche Klangzuckerwatte. Wobei neben den überaus delikat agierenden Holzbläsern auch die bestens disponierte Blechfraktion der Berliner wieder einmal ihre Qualitäten voll ausspielte. Selbst wenn die Dezibel-Zahlen stiegen, wurde stets ein runder, homogener Klang kultiviert.

Interessant also, dass an diesem Abend eher das Klavierkonzert zum internen Kräftemessen wurde. Was zum Teil jedoch den akustischen Verhältnissen des Großen Festspielhauses geschuldet war, indem es auch bei Beethoven durchaus eine größere Besetzung verträgt. Trotzdem war bei Petrenko keine unnötig romantisierte Lesart zu erwarten. Wie von ihm nicht anders gewohnt, wurde das Orchester auch hier nach selbstbewussten Attacken immer wieder mit sanfter, aber bestimmter Geste abgedämpft. Was auch Solist Leif Ove Andsnes umgehend für sich nutzte, um gerade im Schluss-Rondo im Pianissimo und mit zarten dynamischen Nuancen zu experimentieren. Nachdem er im Kopfsatz seine Dominanz noch mit ebenso klarem wie kraftvollem Anschlag behauptet hatte – im Kontrast zum nachdenklich suchenden, immer wieder innehaltenden Largo.

Eine Interpretation, die zwar nicht komplett mit den Hörgewohnheiten brach, diese aber immer wieder subtil hinterfragte und vor allem in den rahmenden Sätzen mit kühlem nordischem Humor würzte, der dem Werk gut zu Gesicht stand. Auch nach Ansicht des Publikums, das nicht nur Andsnes und Petrenko feierte, sondern vor allem auch den Berliner Philharmonikern Ovationen bereitete.TOBIAS HELL

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