„Das ist halt meine Geschmackswelt“

von Redaktion

Countertenor und Regisseur Max Emanuel Cenčić über sein Festival Bayreuth Baroque

„Ich bin kein Traditionalist, ganz im Gegenteil“: Max Emanuel Cenčić lockt zum siebten Mal mit Bayreuth Baroque. Dieses Jahr stehen Händels „Floridante“ und höchstkarätig besetzte Konzerte auf dem Programm. © Laura Chapman

Im Schatten des Stadtheiligen Richard Wagner? Das war einmal. Bayreuth Baroque hat sich in der europäischen Festivalszene etabliert – zumal man mit dem Markgräflichen Opernhaus auf das schönste Barocktheater weltweit bauen kann. Countertenor, Festivalchef und Regisseur Max Emanuel Cenčić bringt heuer Händels Oper „Floridante“ heraus. Premiere ist am 4. September. Die Produktion wird flankiert von höchstkarätig besetzten Konzerten. Infos zum Programm und zum Vorverkauf unter bayreuthbaroque.com.

Sie sind im verflixten siebten Jahr. Haben Sie sich anfangs vorstellen können, dass Ihr Festival so erfolgreich wird? Oder haben Sie um das Projekt gebangt?

Gebangt nicht. Aber ich hätte mir vielleicht erwartet, dass sich die Dinge schneller entwickeln. Corona hat uns da zu schaffen gemacht. Ich kann aber sagen: Es geht uns gut, wir haben Preise gewonnen, wir sind etabliert, wir haben auch einen sehr starken Bekanntheitsgrad. Um den Kartenverkauf muss ich mir nicht wirklich Sorgen machen.

Sie spielen meistens Opern, die durchs Raster gefallen sind. Das betrifft auch Händels „Floridante“ in diesem Jahr. Warum verschwinden diese Werke in der Versenkung?

Durch Unwissen. Ich finde es schade, dass „Floridante“ nicht früher auf der Bühne gezeigt wurde. Musikalisch ist das Stück wunderschön. Es ist ein früher Händel, aus einer frühen Londoner Schaffensperiode. Die Handlung ist wirklich erstaunlich. Ich bin sicher, dass das Publikum sehr überrascht sein wird, welche Facetten Händel bietet.

Welchen Vorlauf haben Ihre Produktionen? In welchem Jahr sind Sie gerade mit der Planung?

Ich plane 2027 gerade fertig, für 2028 überlege ich noch. Ich habe also einen eher kürzeren Vorlauf. Ansonsten läuft man Gefahr, dass vieles falsch geplant wird. Kriege, politische Umwälzungen, soziale Veränderungen, Sänger erkranken oder verändern sich stimmlich – alles kann passieren. Ich finde es zum Beispiel lächerlich, wenn uralte Dirigenten zehn Jahre im Voraus planen.

Sie stehen in Ihren Produktionen auch selbst auf der Bühne, im „Floridante“ singen Sie die Titelrolle. Da müssen Sie mit Blick auf die Kollegen ja vollkommen neidfrei sein.

(Lacht.) Ich weiß nicht, wie man das Gefühl Neid definieren soll. Schauen Sie: Singen ist schwer. Opernsänger müssen sehr viel opfern. Wenig Privatleben, wenig Zeit, psychischer Druck, Einsamkeit. Das sind alles Dinge, die ich bei Gott nicht als sehr beneidenswert empfinde. Und wenn jemand Talent hat, muss er trotzdem wahnsinnig viel arbeiten daran. Einen Milliardärserben kann man beneiden oder jemanden, der in der Lotterie gewonnen hat. Aber einen Künstler, der mit Blut und Schweiß arbeiten muss, um das zu erreichen, was er ist?

Würden Sie sich als Workaholic bezeichnen?

Schwere Frage. Sich selbst empfindet man ja nicht so. Aber ich glaube nicht, dass bei mir gewisse Dinge zu kurz kommen.

Wenn man an Ihre opulenten Bayreuther Produktionen denkt, können Sie doch eine bestimmte kulinarische Schwelle nicht mehr unterschreiten. Eine typische Christof-Loy-Inszenierung in Anzügen und in Schwarz-Weiß würde Ihr Publikum nicht goutieren.

Wahrscheinlich ist das so. Das ist halt meine Geschmackswelt, und deshalb kann ich mich nur so szenisch ausdrücken und nicht über meinen Schatten springen. Mein Credo ist: Ich will Musik, Wort und Schauspiel auf den Punkt zusammenbringen. Ich kann mit Inszenierungen nichts anfangen, wo es ausschaut wie in einer modernen Kunstgalerie, in der die Menschen irgendein Ballett machen und Sänger irgendwie herumschweben. Ich bin kein Traditionalist, ganz im Gegenteil. Aber wenn ich eine Kunstperformance machen will, dann gehe ich zur Biennale nach Venedig, sicherlich nicht in die Oper. Mich interessieren Inszenierungen nicht, mit denen der Regisseur versucht, sich wahnsinnig intellektuell darzustellen. Solche Arten von Bestätigung empfinde ich als überflüssig, weil es auch das Werk überschattet. Diese Regisseure sollten besser ihre eigene Oper komponieren.

Ist es für Sie dann immer schwieriger, mit Regisseuren zu arbeiten?

Gar nicht. In dem einen Fall führe ich selbst Regie und habe mein Konzept. Und im anderen Fall wird man dafür bezahlt, dass man als Sänger tätig ist. Dieses gewisse Maß an Professionalität muss man schon besitzen, um zu sagen: Ich stehe im Dienst eines anderen Regisseurs, das ist mein Job.

Was ist für Sie eigentlich die Essenz, das Besondere an „Floridante“?

Für mich ist es so unglaublich, dass Elmira im zweiten Akt von ihrem Stiefvater Oronte zweimal vergewaltigt wird. Das steht nicht explizit im Libretto. Aber die Sprache, die da benutzt wird, deutet darauf hin. Händel hat sich sehr viel mit sexueller Gewalt als willkürlicher Machtausübung beschäftigt, das zieht sich durch sein gesamtes Opernwerk bis in die Oratorien. In „Floridante“ wird das zum Psychothriller.

Artikel 4 von 11