Die Königin des Country

von Redaktion

„Jolene“: Sängerin Dolly Parton stirbt im Alter von 80 Jahren

In honoriger Gesellschaft mit Zubin Mehta, Steven Spielberg, Smokey Robinson und Andrew Lloyd Webber (v.li.). © AFP

Schon früh ein Star: Dolly Parton bei einem Konzert in Tokio am 30. Juli 1979. © Matsumoto/dpa

Sie war von kleiner Statur, aber eine ganz Große: Dolly Parton, hier 2009 bei einer Veranstaltung in Detroit. © Carlos Osorio/dpa

„Finde heraus, wer du wirklich bist, und sei es dann mit Absicht“, ist einer der bekanntesten Aussprüche von Dolly Parton. Der Witz daran ist natürlich, dass man Dolly Parton lange abgesprochen hatte, als Person „echt“ zu sein. Mit der blondierten Föhntolle, ersichtlich nachgebesserten anatomischen Details und einer dicken Schutzschicht aus Make-up mit einbetoniertem Lächeln war sie für viele Kritiker der Inbegriff einer nicht wirklich ernst zu nehmenden Kunstfigur der Countrymusik. Aber das hat Dolly Rebecca Parton, die am 19. Januar 1946 in einer kleinen Holzhütte in den Südstaaten der USA zur Welt gekommen ist, nie an sich herangelassen. Jetzt ist sie im Alter von 80 Jahren gestorben.

Unbeirrt von allen Widerständen und Häme beißt sich das vierte von zwölf Geschwistern im Haifischbecken der Unterhaltungsindustrie durch. Schon als Zehnjährige tritt sie im Radio auf, das Showgeschäft ist ihr Weg raus aus bitterer Armut und Perspektivlosigkeit. Der Durchbruch kommt zunächst als Songwriterin, bereits mit 20 komponiert sie Lieder, die es in den Hitparaden in die Top Ten schaffen. Den Erfolg nutzt sie selbstbewusst, um ihre Plattenfirma davon zu überzeugen, sich der Countrymusik zuwenden zu dürfen und sich auch vor das Mikrofon zu stellen. Sie hat Erfolg, die ersten Singles werden Hits, sie darf ein eigenes Album einsingen, so schlicht wie genial „Hello, I‘m Dolly“ betitelt.

Parton ist schnell ein Fixstern am Countryhimmel, aber zur Legende wird sie 1973 mit einem Lied: „Jolene“. Erstaunlich ernsthaft erzählt sie von einer Frau, die die Affäre ihres Ehemannes bittet, ihre Familie nicht zu zerstören. Potenziell ist die Idee natürlich reiner Kitsch, aber das Lied lässt einem keine Gelegenheit, auf solch einen Gedanken zu kommen. Noch Jahrzehnte später singen Stars wie ihre Patentochter Miley Cyrus dieses Lied mit Hingabe. Partons anderer unsterblicher Ohrwurm wird durch die Interpretation von Whitney Houston zum Welthit: „I will always love you“.

Als 1992 den Houston-Fans klar wird, dass sie einen Song aus der Feder von Dolly Parton ins Herz schließen, sind viele baff. Ein Effekt, den Parton oft auslöst und den sie mutmaßlich genießt. Der vermeintlichen Hinterwäldlerin trauen die Presse und Teile des Publikums nicht viel zu, die Kolleginnen und Kollegen aus dem Musikgeschäft wissen es besser. Parton wird ein Vorbild, gerade für Künstlerinnen. Eine Frau, die ihre eigenen Songs schreibt, ihr Image selbst definiert, auch wenn es oft belächelt wird, und – nicht unwichtig – sich auch geschäftlich nicht die Butter vom Brot nehmen lässt.

Sie macht Musikerinnen wie Taylor Swift oder Sabrina Carpenter vor, wie es geht, und deswegen zollen ihr diese Kolleginnen auch Respekt. Parton gelingt es, auf hohem Niveau erfolgreich zu bleiben und vom Star zum Kult zu werden, der selber die besten Witze über Dolly Parton erzählen kann. Die meisten davon habe sie selbst in die Welt gesetzt, behauptet sie. „Es hat mich viel Geld gekostet, so billig auszusehen“, sagt sie zum Beispiel und erklärt aufgeräumt, Blondinenwitze würden sie nicht verletzen. „Ich weiß, dass ich nicht dumm bin. Und ich weiß, dass ich nicht blond bin.“ Sich auf Kosten von Dolly Parton lustig zu machen, gilt irgendwann als peinlich – ein gewaltiger Triumph in einem chauvinistischen Umfeld, in dem Sexismus lange nicht hinterfragt wurde.

Spätestens als Parton 1980 in der Komödie „Warum eigentlich…bringen wir den Chef nicht um“ an der Seite von Jane Fonda als Schauspielerin brilliert, ist in der Branche allen klar, dass sie es bei Parton mit keinem Leichtgewicht zu tun haben. Auch sonst entzieht sie sich allen Klischees. Obwohl sie das Image als leicht überdekorierte Sexbombe liebevoll kultiviert, ist sie fast 60 Jahre skandalfrei verheiratet, bis zum Tod ihres Ehemannes. Sie lebt ohne Hauspersonal und geht selbst einkaufen. Kurzum: Sie ist das Gegenteil einer Diva und bleibt immer freundlich. Politisch hält sich die bekennende Christin klug zurück und überrascht ihre eigene Fangemeinde ab und an, wenn sie sich etwa gegen die Deportation des Musikerkollegen Yusuf Islam (Cat Stevens) aus den USA stellt, weil man ihm islamistische Tendenzen vorwirft. Sie unterstützt offen die Rechte Homosexueller. „Wer Menschen wie Freaks behandelt, weil sie anders sind, ist selber einer. Über andere zu richten, ist eine Sünde.“

Nicht alle, die ihre Musik mögen, finden solche Sprüche gut, aber Parton beeindruckt das nicht. Neben einem Freizeitpark, der sich zu einem regelrechten Imperium entwickelt hat, widmet sich Parton abseits der Bühne vor allem dem Kampf gegen Analphabetismus – zu Ehren ihres Vaters, der nie Lesen und Schreiben gelernt hatte. Sie war eine Große. Als Künstlerin und als Mensch.ZORAN GOJIC

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