Meyer-Burckhardt und Kulturchefin Stefanie Thyssen.
Große Liebe: Meyer-Burckhardt mit seiner zweiten Frau Dorothee Röhrig.
Autor, Filmproduzent, Moderator der „NDR Talk Show“: Hubertus Meyer-Burckhardt ist ein Tausendsassa. Heute erscheint sein neues Buch. © Gliffe/NDR (2), thy
Wer Hubertus Meyer-Burckhardt mag, wird sein neues Werk lieben: „Das Buch meines Lebens haben Klügere geschrieben“ heißt es. Darin erzählt der Autor anhand von 90 Zitaten, die ihn „immer wieder begeistern“, so kurzweilig wie inspirierend aus seinem Leben, das viele Höhen, durchaus aber auch dunkle Momente hatte. Wir trafen Meyer-Burckhardt zum Interview.
Sie sind unlängst 70 geworden. Ist das nur eine Zahl für Sie oder ein Grund zu grübeln?
Ich denke darüber ehrlich gesagt nicht nach. Gegrübelt habe ich schon vorher. Und über die Fragilität des Lebens bin ich mir seit meinem 18. Lebensjahr im Klaren. Ich habe früh einen Freund verloren durch einen tragischen Unfall, einen weiteren durch Schilddrüsenkrebs. Ich brauche also keine Erinnerung mehr daran, dass das Leben endlich ist. Aus diesem Gedanken heraus erklärt sich übrigens meine große Freude an dieser Veranstaltung, die wir Leben nennen. Schon meine Mutter hat mir den Satz mit auf den Weg gegeben: Glücklichsein ist eine Entscheidung. Danach versuche ich zu leben.
Ihre Kindheit war dabei alles andere als unbeschwert.
Ja, das ist richtig. Mein Vater war schwerster Alkoholiker, faschistoid und gewalttätig. Ich habe ihn buchstäblich vor die Tür gesetzt, rausgeschmissen, als ich so zwölf, 13 Jahre alt war. Ab dem Moment begann meine Kindheit.
Und Sie haben angefangen zu lesen.
Ja, die Literatur, das kann man schon so sagen, war ein Orientierungspunkt für mich. Eine väterliche Orientierung war nicht mehr da, aber ich hatte das Bedürfnis nach klügeren Menschen in meinem Umfeld, und die fand ich beim Lesen. Ich brauchte Menschen mit Lebenserfahrung, die mir Einsichten vermittelten. Das war der eine Grund für meine Lese-Leidenschaft.
Der andere?
Eine Frau. (Lacht.) Mit ungefähr 16 war ich sternhagelverliebt in eine deutlich ältere Schauspielerin, die ich vom Theater kannte. Und die einzige Chance, einigermaßen im Mitbewerberfeld zu reüssieren, war, dass ich mir was anlas. In ihrem Umfeld hatten natürlich alle alles gelesen. Die wussten, wer Brecht ist, und wer Büchner und was weiß ich. Ich wusste – gar nichts oder wenig. Also habe ich angefangen zu lesen.
Und auch zu schreiben. Denn aus der Zeit stammt die Kladde, dieses kleine Büchlein, das hier auf dem Tisch liegt, in das Sie all die Zitate aus Büchern geschrieben haben, die nun den Rahmen bilden für Ihr neues Buch.
Richtig. Gleich eines der ersten ist von Stendhal: „Prüderie ist auch eine Art von Geiz, und zwar der schlimmste von allen.“ Besonders schön ist auch das von Mark Twain: „Ich bin jetzt ein alter Mann und habe viel Schlimmes erlebt. Gott sei Dank ist das meiste davon nicht passiert.“ Das ist doch wunderbar.
Ihr Lieblingszitat ist von Rilke: „Du musst das Leben nicht verstehen, dann wird es werden wie ein Fest.“
Ja. Ich habe einen riesigen Spaß an diesen Zitaten. Nicht, weil ich damit eine drittklassige Rede aufpeppen will, sondern weil ich es spannend finde, dass hinter einem Zitat ein genialer Gedanke steht. Man liest, denkt darüber nach, und nimmt was mit. Das finde ich schön.
Sie haben zwei Mal für einige Jahre in München gelebt. Heute ist Hamburg Ihr Zuhause. Was vermissen Sie an Bayern?
Ich habe wahnsinnig gerne in München gelebt. Keine andere Stadt, und das ist jetzt keine Plattitüde, hat so eine fantastische Umgebung wie München. Weder Berlin noch Düsseldorf und Hamburg auch nicht. Gerade meine Zeit bei der HFF, der Hochschule für Fernsehen und Film, war durchaus prägend. Ich meine, wir haben da im Englischen Garten mit den Damen… Das war wild. (Lacht.) Wenn ich heute durch München gehe, kommt ein bisschen Melancholie hoch, ja. Es ist lange her.
Seit 15 Jahren sind Sie mit Ihrer zweiten Frau Dorothee zusammen, die auch Teil des Buches ist. Ihre gemeinsame Reise bildet gewissermaßen den Rahmen für die Erzählung und man liest mit jeder Zeile, wie glücklich Sie darüber sind, sich getroffen zu haben.
Dorothee ist ein Himmelsgeschenk. Das ist eine sehr große Liebe. Das kann man ohne schuldhaftes Verzögern so sagen. Ich habe nach meiner ersten Ehe relativ lange alleine gelebt und auch ganz gerne alleine gelebt, mit all den Vorzügen, die das gelegentlich hat. Mir wird es mit mir allein nicht langweilig, eben weil ich viel lese zum Beispiel. Oder ins Theater gehe oder ins Kino… Und dann schien eines Tages plötzlich Dorothee Röhrig auf und… na ja, der Rest ist Geschichte, sagen wir es so.
Sie sind ein positiver Mensch, Optimist durch und durch. Gibt es etwas, was Sie richtig schrecklich finden?
Die Rechten, die jetzt wieder groß werden. Dass die AfD diesen Zuspruch hat, macht mich wirklich sehr, sehr traurig. Ich halte es auch für dumm, auch jenseits vom Ethischen, etwa mit Blick auf die Wirtschaft. Ich bin wütend und ein Stück weit ratlos, muss ich sagen. Dass ich diese Entwicklung erleben muss in meinem Leben, hätte ich nie für möglich gehalten.
Hubertus Meyer-Burckhardt:
„Das Buch meines Lebens haben Klügere geschrieben“, Heyne Verlag, 224 Seiten; 20 Euro. Am 17. November liest Meyer-Burckhardt um 19.30 Uhr in Aschheim. Karten über muenchenticket.de.