Fünfmal Gold für München

von Redaktion

Theater des Jahres: Kammerspiele räumen bei Kritikerumfrage ab

Stück des Jahres: Avishai Milsteins Doku-Revue „Play Auerbach!“ mit Samuel Finzi. © Julian Baumann

Intendantin Barbara Mundel verlässt das Haus 2028 gegen ihren Willen. Das Ergebnis der Umfrage ist daher auch ein kulturpolitisches Signal. © Marcus Schlaf, Armin Smailovic, ZAV

Zwei Sachen kommen da zusammen. Sicher ist dieses Ergebnis eine Trotzreaktion auf die Art, wie die Stadt München mit ihrer Intendantin umgegangen ist. Zum anderen ist es eine Belohnung für die vergangene Saison, in der die Kammerspiele nicht nur mit dem siebenstündigen Blockbuster „Wallenstein“ das Publikum lockten. Für Chefin Barbara Mundel, deren Vertrag 2028 ausläuft und der bekanntlich nicht verlängert werden sollte, ist dieses Ergebnis in der Jahresumfrage des Fachmagazins „Theater heute“ vor allem eine Genugtuung: Die Münchner Kammerspiele landeten gleich fünfmal auf Platz eins, unter anderem als Theater des Jahres.

Das Votum ist nicht überraschend. 45 Kritikerinnen und Kritiker beteiligten sich an der Umfrage. Und gerade nach dem Streit um Mundel war die Auszeichnung Theater des Jahres erwartet worden. Die Intendantin warf zwar irgendwann das Handtuch, doch in den deutschen Feuilletons herrschte (fast) Einigkeit: Sie wurde hinausgedrängt. Eigentlich wollte Mundel bis 2030 weitermachen. Nach anfänglichen Tiefflügen, das mussten selbst Widersacher feststellen, begann sie, Land zu gewinnen. Doch dann war da noch die Aufregung um die eine Million Euro, die vom Haus für den Wechsel an der Spitze veranschlagt wurde. In finanziell harten Zeiten stieß das auf heftige Kritik – wobei vergessen (oder bewusst übersehen) wurde, dass solche Summen unter anderem wegen personeller Umbrüche oder tarifrechtlich vorgesehener Abfindungen in der Theaterlandschaft normal sind.

Das Magazin „Theater heute“ stellt zu alledem die ironische Frage: „Wer sagt eigentlich, dass man aufhören soll, wenn es gerade anfängt, schön zu sein?“ Der Erfolg der Kammerspiele (besonders bei den Kritikerinnen und Kritikern in den betreffenden Jurys) wird auch dadurch unterstrichen, dass insgesamt vier Inszenierungen zum Berliner Theatertreffen und zu den Mülheimer Theatertagen eingeladen wurden. „Wir haben es geschafft, unserem Publikum ein vielfältiges, inspirierendes Programm anzubieten“, teilte Barbara Mundel mit. „Wir haben Experimente gewagt – manche sind gescheitert, viele gelungen. Und, das ist für mich persönlich das Schönste: Wir haben zueinander gefunden. Im Haus, im Ensemble, mit der Stadtgesellschaft. Ich verstehe die Auszeichnungen als eine Würdigung der kontinuierlichen Arbeit der vergangenen Jahre.“

Neben dem Preis Theater des Jahres kommen für die Kammerspiele einige Medaillen dazu: Der „Wallenstein“, eine Adaption „nach Schiller“ in der Regie von Jan-Christoph Gockel und mit Samuel Koch in der Titelrolle, wurde Aufführung des Jahres. Das Haus kündigte die Produktion als „Schlachtfest in sieben Gängen“ an. Dass dem Regisseur „ein schmackhafter Abend, ja ein Überraschungsmenü gelungen ist, zeigt sich nicht zuletzt daran, dass der deutlich größere Teil des Premierenpublikums – auch dank dreier Pausen samt Würstelstand im Hof – tapfer bis zum Ende durchhielt“, so urteilte damals unser Kritiker.

Beim „Wallenstein“ dabei ist auch Annika Neugart als Max Piccolomini, sie wurde Nachwuchsschauspielerin des Jahres. Beteiligt an dieser Produktion sind ebenfalls das Dramaturgie-Paar des JahresViola Hasselberg und Claus Philipp. Auch eines der beiden Stücke des Jahres, Avishai Milsteins DokuRevue „Play Auerbach!“ um einen historischen Fall von Antisemitismus, geht auf einen Auftrag der Kammerspiele zurück. Bereits 2020 und 2019 wurden die Kammerspiele Theater des Jahres, damals unter Intendant Matthias Lilienthal. Der ist inzwischen Chef der Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz.

Schauspielerin des Jahres wurde Paulina Alpen (Stuttgart), Schauspieler des Jahres Guido Lambrecht (Potsdam). Das Bühnenbild des Jahres findet sich in Berlin – mit Ida Müllers Entwurf für „Peer Gynt“ an der Berliner Volksbühne. Für den Achtstünder (keine Pause, Türen durchgängig offen) entwarf sie eine Comicwelt. Sehr einig waren sich die 45 Kritikerinnen und Kritiker beim Ärgernis des Jahres. Die Liste wird hier klar angeführt von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer (parteilos) und der CDU-Kulturpolitik.MARKUS THIEL