„Eine zugewandte, kritische und wachsame Partnerin“: Hanns Zischler (Thomas Mann) über Sandra Hüller (Erika Mann) – Szene aus „Vaterland“. © Agata Grzybowska
„Ich habe noch nie in meinem Leben eine Jeans getragen, weil das für mich Sträflingskleidung ist“, sagt Hanns Zischler über seine Münchner Studentenzeit. © Astrid Schmidhuber
Er ist ein wahres Multitalent: Als Schauspieler hat Hanns Zischler in mehr als 250 Film- und Fernsehproduktionen mitgewirkt und mit Regisseuren wie Steven Spielberg, Claude Chabrol, Jean-Luc Godard oder Wim Wenders zusammengearbeitet. Daneben war er auch als Übersetzer, Sprecher, Dramaturg, Kurator, Dokumentarfilmer und Herausgeber tätig – und hat sich zudem als Fotograf sowie als Autor einen Namen gemacht. Am 1. Oktober erscheint sein zweiter Roman „Yumikos Paravent“. Ab 3. September ist der 79-Jährige in Paweł Pawlikowskis in Cannes prämiertem Kinofilm „Vaterland“ zu sehen. Darin verkörpert Zischler den Nobelpreisträger Thomas Mann, der im Sommer 1949 nach 16 Jahren Exil zum ersten Mal wieder in seine deutsche Heimat reist: Er lässt sich in Frankfurt und Weimar mit Preisen ehren, findet ein zerrissenes Land vor und wird mit dem Suizid seines Sohnes Klaus konfrontiert.
Paweł Pawlikowski gilt als Meister der Reduktion. „Vaterland“ ist nur 82 Minuten lang; es gibt weder unnötige Kamerafahrten noch überflüssige Dialogzeilen. Hat sich diese Kunst des Weglassens schon am Set gezeigt?
Ja, vom ersten Moment an war klar, dass das in seiner erzählerischen Dichte ein ganz ungewöhnlicher Film werden würde. Pawełs Einstellungen sind präzise gewählt. Er zeigt, dass man auch anders erzählen kann – in stimmigen Bildern, die viel stärker im Gedächtnis haften bleiben. Diese Konzentration auf das Wesentliche korrespondierte auch mit seiner Anweisung an mich, in meinem Spiel eine gewisse Zurückhaltung an den Tag zu legen, die ihre Kraft dann in bestimmten kleinen Augenblicken entfalten konnte.
Der Film geht mit manchen historischen Fakten frei um. So hat Thomas Mann seine Reise nach Deutschland im Sommer 1949 nicht mit seiner Tochter Erika unternommen, sondern mit seiner Frau Katia. Und sein Sohn Klaus hatte sich in Wahrheit schon mehr als zwei Monate zuvor umgebracht.
Diese dramaturgischen Entscheidungen halte ich für durchaus legitim – schließlich ist „Vaterland“ ein Spielfilm, keine Dokumentation, und Paweł verdichtet lediglich die Ereignisse, ohne die Gewichte entscheidend zu verändern. Ob sich Klaus Mann im Mai oder im Juli 1949 das Leben genommen hat, bleibt ja im Grunde ein unwesentliches Detail.
Erika wird gespielt von Sandra Hüller. Hat sie Sie tatsächlich in diesem riesigen Straßenkreuzer durch die Gegend kutschiert?
Ja, das war ein voll funktionstüchtiger Buick aus dem Jahr 1949. Nicht leicht zu fahren, denn es gibt keine Servolenkung, und man muss ganz anders schalten. Insofern war es eine ziemliche Leistung, dieses Gefährt zu steuern, das wie ein Wasserbett durch die Landschaft schwimmt. Aber Sandra hat das hervorragend gemeistert.
Wie würden Sie die Zusammenarbeit mit ihr beschreiben?
Sandra ist eine sehr zugewandte, kritische und wachsame Partnerin, die äußerst genau hinhört. Sie bereitet sich nicht nur sorgfältig vor, sondern begegnet ihrem Gegenüber auch mit einer extrem konzentrierten Form der Aufmerksamkeit – im Gegensatz zu manchen Kollegen, die den Fokus fast ausschließlich auf ihren eigenen Part richten.
Hat sich Ihr Blick auf Thomas Mann durch den Film verändert?
Mein Verhältnis zu ihm befindet sich in ständigem Wandel. Manchmal ist mir sein Ton zu salbungsvoll, vor allem in seinen frühen Erzählungen; andererseits bin ich nach wie vor begeistert von seinem Josephsroman. Mit 17 habe ich zum ersten Mal „Doktor Faustus“ gelesen – das war natürlich eine absolute Überforderung. Seitdem gab es immer wieder Begegnungen, etwa ein gelungenes „Doktor Faustus“-Hörspiel von 2007, oder die etwas peinliche Verfilmung dieses Romans durch Franz Seitz von 1981: Da spiele ich Serenus Zeitblom, also das Alter Ego von Thomas Mann.
Was war er für ein Mensch? In „Vaterland“ wirkt er meist ziemlich unnahbar; Erika wirft ihm gar Gefühllosigkeit vor.
Laut Schilderungen war er ein wahnsinnig auf äußere Form bedachter und zu scharfen Urteilen neigender Zeitgenosse. Gleichzeitig muss man ihm allerdings zugestehen, dass er sich in der Emigration auf geradezu unglaubliche Weise gewandelt hat: von einem erzkonservativen, fast schon reaktionären politischen Denker hin zu einem engagierten Kämpfer gegen den Faschismus.
Können wir von ihm lernen, dass es nötig ist, eine Haltung zu entwickeln?
Ja, unbedingt. Thomas Mann gibt ein gutes Beispiel dafür ab, wie entschieden man sich wehren kann – angefangen von seinen Warnungen vor den Nationalsozialisten Anfang der 1930er-Jahre bis hin zu seinen monatlichen, an die deutschen Rundfunkhörer gerichteten Radiosendungen während des Zweiten Weltkriegs. Auch die Reden, die er im Sommer 1949 in Frankfurt und Weimar gehalten hat, sind geprägt von der Absicht, seinen Landsleuten in moralischer Hinsicht etwas nahezubringen.
In diesen Reden verwendet er Begriffe wie „Heimat“ oder „Vaterland“, die vom NS-Regime kontaminiert worden waren. Sie selbst sind Wahlberliner mit mittelfränkischen Wurzeln. Was bedeutet Heimat für Sie?
Für mich hat der Begriff Heimat keine besonders große Bedeutung. Ich bin dörflich geprägt und würde Langenaltheim, das Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, als meine Heimat bezeichnen. Aber ich empfinde es keineswegs als Verlust, dass ich seit fast 60 Jahren in Berlin lebe – ich bin dort heimisch geworden.
Ihre schauspielerische Laufbahn haben Sie 1968 in München begonnen – in Kurzfilmen der Studenten des ersten Jahrgangs der frisch gegründeten HFF. Stimmt es, dass Wim Wenders und Urs Aebersold Sie damals angequatscht haben, weil Sie in dunklen Anzügen aus den 1940er-Jahren herumliefen?
Ja. Ich habe noch nie in meinem Leben eine Jeans getragen, weil das für mich Sträflingskleidung ist. Die Anzüge, die ich als Student trug, stammten von meinem im Krieg vermissten Onkel. Somit waren sie die perfekten Outfits für die vom Film Noir geprägten Kurzfilme, die Wenders und Aebersold vorbereitet hatten. Zu jener Zeit hatten die Menschen noch miteinander zu tun: Man hat sich angeguckt, man hat geflirtet, man ist in Kneipen gegangen, man hat sich ständig mit dem anderen auseinandergesetzt… Das ist uns ja inzwischen leider fast alles abhandengekommen.