Oper unter Strom: Szene aus „König Roger“. © Aylin Kaip
Das Ausschweifende, Schillernde, Dionysische kann manchmal ganz schön monochrom werden. Karol Szymanowskis „König Roger“ will einen Zustand zwischen religiöser Ordnung, sinnlicher Entgrenzung und Ekstase heraufbeschwören. Bei der Opera Incognita im Staatlichen Museum Ägyptischer Kunst bleibt davon irgendwann vor allem: viel Lärm um wenig.
Szymanowski, 1882 geboren, schrieb die Oper zwischen 1918 und 1924, elektrisiert von seinen Sizilien-Reisen: Christentum und Heidentum, Byzanz und Antike, Goldmosaik neben griechischer Ruine. Mit Jarosław Iwaszkiewicz machte er daraus ein „sizilianisches Drama“ um den Normannenkönig Roger II. Ein geheimnisvoller Hirte bricht in Rogers christliche Ordnung ein, zieht Hof und insbesondere Roxane in seinen Bann und wird im dritten Akt als Dionysos kenntlich. Pate stehen Euripides’ „Bakchen“ und Nietzsches Gegensatz von apollinischer Ordnung und dionysischem Rausch.
Das alles klingt wesentlich spannender, als es sich auf der Bühne darstellt. Andreas Wiedermanns Regie bleibt in modernistischen Stereotypen stecken: bekannte Chiffren, aber keine eigene Bildwelt. In den Sichtbeton des Auditoriums stellt er einen Metallquader, zunächst Altar, später Requisit für allerlei Bedeutung. Rogers Gesellschaft trägt Rot, der dionysische Hirte ist ganz in Weiß; darüber hängt riesig die umgedrehte Normannenkrone.
Am Ende haben alle Glitzermasken auf, Roger steckt schließlich im Frauenkleid. Das sieht nach schwerer Bedeutung aus, nur erschließt sie sich nicht. Dann stößt Roger sich auf dem Altarblock noch ein Messer in die Brust, doch weder fließt Blut noch stirbt er. Warum das alles? Wiedermann punktet dafür in der Personenregie, besonders mit der Führung des ganz vorzüglich singenden Chores.
Szymanowskis Musik macht es der Aufführung nicht leicht. Die Partitur steht fast pausenlos unter Strom, chromatisch hin und her wabernd, mit orientalistischen Farben und wuchtigen Chorauftürmungen. Manches schielt zu Strauss’ „Salome“, ohne deren harmonische Raffinesse oder mörderisch genaue Dramaturgie zu erreichen. Ohne Ruhepunkte läuft sich die Erregung wund. Ein Drama, das keine Täler kennt, hat halt auch keine Gipfel. Ernst Bartmann hat die Partitur geschickt für 15 Musiker eingerichtet. Handwerklich, ja klangwerklich ist die Bearbeitung gut gelungen, doch das Werk taugt kaum zur Schrumpfkur. Der unterirdische Museumsraum bündelt den Klang hart und unmittelbar. Im ersten Akt fehlt dem Chor dennoch das orchestrale Fundament, in intimeren Szenen überdeckt das Ensemble rasch die Stimmen. Bartmann hält die Truppe zusammen, dirigiert mit großem Gestus und breitem Pinsel. Wo Szymanowski schillern könnte, geht es eher grobkörnig zu.
Matthias Bein gibt Roger mit solide fundiertem, eher unauffälligem Bariton. Die Partie ist höchst undankbar: In der Mittellage tritt er hinter die Tenöre zurück, manche Höhe sitzt unbequem. Marco Antonio Riveras Hirte beginnt noch mit einer Spur Sanftheit, drängt sich klanglich aber zunehmend eng und penetrant nach vorn. Die lyrischsten Farben des Abends bringt Annika Sandberg als Roxane mit klangschöner Höhe ein, die Stimme trägt aber in diesem Raum nicht immer.
Robson Bueno Tavares röhrt als Erzbischof dunkel aus weit zurückgesetztem Sitz, vom Text bleibt wenig. Dan Chamandys Edrisi ist kaum mehr als Rogers gut artikulierender Stichwortgeber – und dramaturgisch sinnlos; sein Tenor tönt eng und demonstrativ stählern. Am Ende hält dieser Abend seine Temperatur ständig hoch und lässt doch kalt – ausgerechnet das Dionysische bleibt fromme Behauptung.WILLI PATZELT
Weitere Vorstellungen
am 2., 4., 5., 9., 11. und 12. September; muenchenticket.de.