SALZBURG

Klavierstars im Fernduell

von Redaktion

Konzerte mit Igor Levit und Yuja Wang im Großen Festspielhaus

Yuja Wang spielte mit den Wiener Philharmonikern Prokofjews zweites Klavierkonzert. © Marco Borrelli

Igor Levit spielte ein Solo-Programm mit Werken von Schubert, Chopin und Beethoven. © Marco Borrelli

Äpfel/Birnen, Schubert/Prokofjew – natürlich funktioniert der Vergleich nur bedingt. Erst recht Levit/Wang, auch wenn es auf der Zielgeraden der Salzburger Festspiele zum aufreizenden (Fern-)Duell kommt. Selber Ort, 15 Stunden Abstand, einmal solo, einmal die große Orchesterpackung. Eventuell sind sogar Teile des Publikums identisch, man gönnt sich unterm Mönchsberg ja sonst nichts. Wobei Yuja Wang gar nicht geplant war. Ursprünglich sollte Daniil Trifonow mit den Wiener Philharmonikern Rachmaninow stemmen, jetzt stürzt sich die Kollegin in Prokofjews zweites Klavierkonzert.

Ein unspielbares Monstrum für mutmaßlich 80 Prozent der Piano-Welt, irgendwo zwischen Kür mit Vierfachsprung und Tom-und-Jerry-Soundtrack. Dieses Werk dreht durch. Und dort, wo andere scheitern, fängt Yuja Wang erst an. Nicht nur in der hanebüchenen Kadenz des Kopfsatzes geht sie volles Risiko; gleichzeitig, und das ist ja das Wunder Wang, steht sie drüber. Eine gläserne, kühle, frappierend selbstverständliche Virtuosität. Ein Handwerk, das sich allerdings nicht eitel ausstellt: Yuja Wang biedert sich weder an, noch wirft sie sich in die Ich-kann-alles-Pose.

Alles ist trennscharf und genau definiert, auch übrigens in den lyrischen und tänzerischen Momenten. Kein Takt klingt manieriert. Nach einer Hallo-wach-Phase (es ist schließlich Matinee-Zeit) gehen die Wiener Philharmoniker und Dirigent Andris Nelsons offensiv mit. Eine Jonglage mit zehn Bällen, gleichzeitig wird das Große Festspielhaus nicht zur Manege: Prokofjew so ernst genommen, das ist wie Spielen auf einem anderen Planeten.

Kollege Igor Levit bleibt da am Abend zuvor ganz irdisch – und hat doch den Schlüssel zu besonderen Türen. Die öffnen sich zu Welten, in denen Erklärungen versagen. Man höre nur das Andantino aus Schuberts vorletzter Sonate D 959. Levit begreift es als trockenen, wie ziellos kreisenden, schulterzuckenden Tanz. Nicht nur dieser Satz wird zur Innenschau als radikaler Kontrast zum Riesensaal. Spannung sucht Levit im Liedhaften, in der behutsamen Formulierung. Im ersten Satz ist das auch diffus. Doch irgendwann glückt das Kunststück: Alle im ausverkauften Saal holt dieser Mann zu sich auf die Bühne.

Nicht nur bei Schubert unterspielt Levit vieles. Seine Virtuosität hat nichts Gestanztes, Scharfkantiges, auch in Chopins f-Moll-Fantaisie. Eine körperlich spürbare Dramatik, doch jede Entladung ist kontrolliert. Kraftvolles ist eher weich gezeichnet. In den besten Momenten hat dieses Spiel etwas sehr Organisches, in den schwächeren etwas zu Verbindliches. Und so verstörend Levit den langsamen Schubert-Satz spielt: Das Gegenstück in Beethovens „Appassionata“ gerät ihm zu straight, zu geradlinig, die Stauungen und Störmanöver in diesem Andante sind kaum zu hören. Nicht mehr als eine Episode, ein Übergang zum rasanten Finale ist das, in dem Levit den Virtuosen mit stufenloser Flexibilität gibt. Radikal ist das passagenweise, existenziell nicht immer. Standing Ovations – auch im Folgekonzert, als Yuja Wang längst das Podium verlassen hat und die Wiener Philharmoniker nach der Pause auf ureigenem Terrain musizieren.

„Don Juan“ und „Till Eulenspiegel“ von Strauss, das ist bei ihnen Feinkost aus dem Klangsupermarkt. Gerade der „Till“ ließe sich drastischer, fratzenhafter denken, die Damen und Herren von der Donau bleiben da ganz wohlerzogen. Andris Nelsons, früher für Verzettelungen berüchtigt, dirigiert mit Übersicht, gibt im Lyrischen nicht zu viel nach und baut schöne Übergänge. Jedes Bläsersolo ist von erlesener Güte, keiner und keine schiebt sich präpotent in den Vordergrund. Eine überlegene Orchesterschau: Die Philharmoniker spielen wie befreit – es ist schließlich das letzte Programm im übervollen Festspielkalender.MARKUS THIEL

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